5. Juli 2009
Wer war verzweifelter?
3. Juli 2009
Examensrelevant: § 224 Abs. 1 Nr. 5 und § 226 StGB in Tateinheit
In der 56. Auflage (2009) des Fischer-StGB-Kommentars heißt es in § 226 Rn. 20 noch vorsichtig, was eine "das Leben gefährdende Behandlung" betrifft: "Mit § 224 Abs. 1 Nr. 5 dürfte Tateinheit anzunehmen sein."
Mittlerweile hat der BGH durch Beschluss vom 21.10.2008 (Az. 3 StR 408/08) entschieden, dass die gefährliche Körperverletzung in der Qualifikationsform der lebensgefährdenden Behandlung in Tateinheit mit der durch die Tathandlung verursachten schweren Körperverletzung steht:
"Die Annahme von Gesetzeskonkurrenz [...] würde das gesonderte Unrecht, das - über die schwere Folge der Körperverletzung hinausgehend - in der lebensgefährlichen Handlung liegt, nicht zum Ausdruck bringen [...]; denn diese Folge wird, insbesondere auch in der Qualifikationsform der erheblichen dauerhaften Entstellung, weder regelmäßig noch gar notwendig durch eine das Leben (abstrakt) gefährdende Handlung bewirkt."Im Fall ging es übrigens um einen Angeklagten, der seiner Frau flüssigen Grillanzünder auf das Kopftuch und die Kleidung im Halsbereich spritze und sie dann in Brand setzte. Die Frau erlitt dabei irreparable Narben.
Bewerbungsgespräch - Do's and Dont's
Wie bereits angedeutet, führen wir auch mit potentiellen Praktikanten und Referendaren ein Gespräch. Nach meiner Erfahrung werden in allen Großkanzleien mit Associate-Bewerbern wenigstens zwei Gespräche geführt, in manchen Sozietäten muss der Bewerber von zwei verschiedenen Standorten begutachtet werden.
- Kleiderwahl
- Ist mein StudiVZ-Profil schädlich?
Die Bewerber google ich vor dem Gespräch und habe einen StudiVZ- und XING-Dummie-Account. Entegegen landläufiger Meinung stören die meisten Kollegen und mich aber weniger Sauf-Fotos ("Alkoholkranker Partner" und "koksender Associate" sind doch vielerorts Pleonasmen) sondern Stromlinienförmigkeit. Drittsemester, die auf XING "Interessante Kontakte" suchen und "Hilfe bei der Bewältigung auch komplexer rechtlicher Fragestellungen" bieten, sollten sich selbstkritisch fragen, ob sie noch ganz dicht sind.
- Welche Fragen erwarten mich?
"Was sind Ihre drei größten Stärken, was Ihre drei größten Schwächen?" Das wurde ich nie gefragt und habe ich nie gefragt. Die erste Frage ist stets: "Sind Sie gut hergekommen?" Mit einem fünfminütigen Monolog zu Engstellen bei Kassel, Bauarbeiten um Hannover und einer defekten Rolltreppe im Hauptbahnhof ("Verrückt, vor allem für Leute mit Koffern - wann kriegen die das endlich in den Griff bei der Bahn?") kann der Bewerber sein Talent zum Langweilen mühelos unter Beweis stellen. Es gilt hier und bei allen anderen Fragen: Zunächst kurz und eindeutig antworten, erst auf Nachfrage wirklich ausholen.
- Welche Inhalte sollte ich im Rahmen des Gespräches transportieren?
Meist hat der Gesprächspartner den Lebenslauf vor 15 Minuten zum ersten Mal gesehen. Das Anschreiben hat er überflogen, weil die Entscheidung zur Einladung oft ein Anderer trifft. Machen Sie dem Gesprächspartner deshalb klar:
- Wer Sie sind, referieren Sie Ihren Lebenslauf kurz,
- erklären Sie, warum Sie den Job möchten.
Auf beides kann man sich vorbereiten und insbesondere bei der zweiten Frage ist Ehrlichkeit Trumpf. Wer sich für das erste Praktikum in einer Großbude bewirbt, für den lautet die blödeste Antwort "Internationale Transaktionen zu begleiten war schon immer mein Traum". Ich finde es sehr sympathisch und völlig in Ordnung, wenn jemand sagt, dass er sich eine Großbude mal von innen anschauen wollte.
- Was ist das häufigste Ausschlusskriterium?
Farblosigkeit und das Fehlen von feststellbarem Interesse für die Tätigkeit. Intelligenz und Begabung messen wir an den Noten und prüfen sie nicht im Gespräch.
- Wie kann ich meine Chancen noch kurz vor Schluß minimieren?
Drücken Sie dem Partner gegen Ende des Gesprächs Kopien Ihres Bahntickets ("Sind Sie dafür zuständig oder der Herr Associate?") zu Abrechnungszwecken in die Hand. So etwas Wichtiges sollte nicht per Post mit der Personaltante geklärt werden. Oder Sie bringen selbstgebastelte Visitenkarten -möglichst mit Foto- mit und verteilen diese (Empfangsdame nicht vergessen).
Das StattAller-Team wünscht viel Glück bei Gesprächen der Leserschaft.
2. Juli 2009
Richterbesoldung ./. Anwaltsgehalt
StattAller rechnet nach für zwei hoffnungsfrohe Jung-Juristen, beide verheiratet mit Kind, ohne Kirchensteuer in Steuerklasse III, Anwalt gesetzlich versichert, weil noch nicht drei Jahre in der Gesetzlichen Krankenversicherung.
** PKV geht nach Netto ab, Beihilfe 50%, gute Absicherung für Versicherten; Frau und Kind gesetzl. familienversichert.
*** Hier ergeben sich Rundungsdifferenzen.
1. Juli 2009
Die Wagen der 1. Wagenklasse halten in den Abschnitten A und B
Er kann Leute rauswerfen und hoffen, sie nach der Krise nicht zu brauchen oder neue zu finden; bei den vorhandenen kann er einen salary freeze verkünden oder Boni streichen.*
Und sonst? Umziehen in das Industriegebiet mit günstigen Mieten ist ebensowenig drin wie den Mandanten die teuren Kekse zu streichen. Deshalb wird nach innen gespart mit einer ans Peinliche grenzenden Hilflosigkeit: Auf einmal gibt es eine Strichliste für Softdrinks inklusive monatlicher Abrechnung, die gemietete Espresso-Maschine wird abgebaut, die Obstkörbe für Mitarbeiter verschwinden und die Angestellten werden aufgefordert, doppelseitig auszudrucken.
Wir fahren jetzt Bahn, 2. Klasse (Abschnitte E-H). Beim Fliegen ist der Unterschied zwischen Business und Economy zumindest innereuropäisch uninteressant. Beim Bahnfahren ist er existenziell. Auf dem Weg zum Datenraum saß ich unlängst inmitten einer Schulklasse, jedes Gör bewaffnet mit einem MP3-Player, der auf Zimmerlautstärke eingepegelt war. Die Zeit war schlicht verloren, früher konnte ich in ihr arbeiten, 4 Stunden zu ca. 300,00 Euro - die Sparmaßnahme würde ich noch mal durchrechnen lassen.
Ich erinnere mich, dass bei der Bundeswehr jeder Komiker, der mindestens A 9 besoldet war, in der 1. Klasse durch die Lande fuhr. Gilt das noch? Stehe ich schlechter da als ein Lokomotivbetriebsinspektor, Stabsfeldwebel oder Obergerichtsvollzieher?
*Ein befreundeter Arbeitsrechtler bezeichnete die Streichung der Boni, die über Jahre Gehaltsbestandteil waren, neulich als "nicht mehr nur abenteuerlich".
30. Juni 2009
Bewerbung - wie es nicht geht
- Die einzigen Titel, die interessieren und in den Briefkopf gehören, sind Dr. vorn und L.M.A.A. hinten, vielleicht noch ein Dipl-Kfm und natürlich der StB. Wer Diplom-Verwaltungswirt, LL.B. (Bucce) oder gar Dipl.-Jur. ist und das so im Briefkopf führt, hat von Anfang an die Lacher auf seiner Seite.
- Das Anschreiben und insbesondere der Lebenslauf sind höchstens eine Seite lang, mindestens Schriftgröße 11, Zeilenabstand >1. AGB in Schriftgröße 8 Mittelgrau auf Hellgrau muss ich oft genug lesen. So was landet in der Tonne. Auch Managing Partner und VorsRiBGH begnügen sich mit einer Seite - das sollte auch einem Praktikanten möglich sein. Niemanden interessieren die verschiedenen Grundschulen (mit Klanggarten) die der Kandidat besucht hat.
- Keine Illusionen - was interessiert und was im Lebenslauf auffindbar sein sollte, sind Noten. Beim Praktikanten das Abi und die Zwischenprüfung, beim Referendar das Abi und das 1. Examen, beim Associate das 1. und das 2. Examen. "Stationsnoten im Durchschnitt vollbefriedigend" kommt in der Regel zustande, weil Rechtsanwalt Dosenkohl (Termine nach Vereinbarung) und die Stadtverwaltung Hildesheim 17-18 Punkte gegeben haben. Diesen verräterischen Satz sollte man daher weglassen.
- Das Foto ist immens wichtig. Kann man gut oder schlecht finden ("oh Mann, sind doch nur Äußerlichkeiten"), ist aber so. Die Damen sind meist stilsicher im Hosenanzug mit Bluse abgelichtet. Herren greifen öfter in den Eimer. Es gilt: Grauer Anzug, weißes Hemd, dezente Krawatte (gemustert oder gestreift). Jedes dunkle Hemd sieht nach Mafia aus, jede knallrote Krawatte nach Zuhälter. Motivkrawatten tragen Clowns. Ohne Krawatte ist man Gewerkschaftssekretär oder Frank Plasberg und den schwarzen Anzug trägt man nur, wenn man hinter Ommas Sarg herlatscht.
Das StattAller-Team freut sich auf Rückmeldungen, ob es mit diesen Tipps geklappt hat.