9. November 2007

Uns ist ganz kannibalisch wohl

"Sage mir, was du isst, und ich sage dir, wer du bist."
Jean Anthèlme Brillat-Savarin in "Physiologie des Geschmacks"
Zu Armin Meiwes würde ich sagen: "Du bist ein Kannibale." Und damit stehe ich keinesfalls alleine da.

Nach einer zwischenzeitlichen Zurückverweisung an das LG Frankfurt am Main durch den BGH nach vorheriger Verhandlung am LG Kassel wurde der als "Kannibale von Rotenburg" bekannte Armin Meiwes wegen Mordes und Störung der Totenruhe zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt, was durch den BGH bestätigt wurde.
Nun soll der Fall aber vor das Bundesverfassungsgericht.
Diese Tatsache ist zwar nicht brandaktuell, aber für Juristen deswegen interessant und einer Erwähnung in diesem Blog würdig, weil Meiwes dorthin von dem bekannten Strafrechtsprofessor Wolfgang Mitsch vertreten wird. Dies berichten FOCUS Online und USA today, wie ich erst jetzt erfuhr.

Wer neulich das interessante Interview mit Meiwes in einer TV-Dokumentation über ihn sah und ihn daraufhin für "gar nicht mal so unsympathisch" befunden hat, dessen Meinung könnte folgender Satz revidieren, den Meiwes in einem Chat nach Aussage von FOCUS online an anderer Stelle schrieb: „Wenn ich als Metzger im KZ tätig gewesen wäre, hätte ich kein Gas, sondern nur ein Messer gebraucht."

In selbiger Dokumentation gab sich eine Reporterin der Zeitschrift SPIEGEL sehr erstaunt, dass Meiwes als schuldfähig eingestuft wurde, obwohl er doch eindeutig psychisch krank sei. Dies entspricht ungefähr der durch den Volksmund weit verbreiteten Meinung, dass psychisch kranke Menschen von den Gerichten ohnehin immer als schuldunfähig oder zumindest vermindert schuldfähig eingestuft würden und nicht ihre "gerechte Strafe" erhielten.

Weil hier auch Nichtjuristen lesen ist unter Bezugnahme auf die Dokumentation einmal auf den Wortlaut des § 20 StGB hinzuweisen:
"Ohne Schuld handelt, wer bei Begehung der Tat wegen einer krankhaften seelischen Störung, wegen einer tiefgreifenden Bewußtseinsstörung oder wegen Schwachsinns oder einer schweren anderen seelischen Abartigkeit unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln."
Der Gesetzeswortlaut sieht zwei Ebenen vor: Neben der hier vorliegenden schweren seelischen Abartigkeit (=biologische Ebene) ist auch eine dadurch bedingte Unfähigkeit erforderlich (=psychologische Ebene), das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln. Es kommt eben gerade auch darauf an, dass die Steuerungsfähigkeit wegen einer Form von seelischer Abartigkeit "ausgeschaltet" ist. Genau das war bei Meiwes laut Gutachten nicht der Fall.

Wertfrei möchte ich erwähnen, dass das Opfer hingegen laut Urteilsbegründung (BGH 2 StR 310/04 - Urteil vom 22. April 2005) die Tragweite seines späteren Entschlusses, sich töten und
schlachten zu lassen, auf Grund einer krankhaft seelischen Störung in Form eines extremen seelischen Masochismus nicht vollends rational überblickte und daher nicht in seine Tötung einwilligen konnte. Dies hätte Meiwes erkennen müssen. Zwei Männer hatten aus psychologischer Laiensicht die selbe Krankheit, doch nur bei einem führte sie zum Verlust der Steuerungsfähigkeit.

Weiterhin vielleicht noch trotz mangelnder Aktualität interessant: In diesem Fall stellte der BGH fest, dass § 168 Abs. 1 StGB nicht nur den postmortalen Persönlichkeitsschutz des Toten wahrt, sondern auch das Pietätsgefühl der Allgemeinheit, so dass das Einverständnis des Tatopfers die Strafbarkeit ohnehin nicht entfallen lassen konnte.

Bleibt abzuwarten, ob und was das BVerfG noch ändern wird. In der Tat ist es natürlich merkwürdig, dass in diesem Fall mit der härtesten Keule des Strafrechts zugeschlagen wurde, obwohl "nur" dasjenige "Schlachtopfer" geschlachtet wurde, welches sogar nach zwischenzeitlicher Aufgabe des Todeswunsches "freigelassen" wurde und dann freiwillig zurückkehrte, während Meiwes auch andere potentielle Opfer nach aufgekommenem Muffensausen ihrerseits wieder in die Freiheit entließ. Einem Nichtjuristen ist schwerlich zu erklären, dass ein Fall mit unfreiwilligen "Schlachtopfern" vom Strafmaß her nicht anders ausgegangen wäre.
Nun ist Meiwes mit Prof. Dr. Mitsch ja anwaltlich ganz gut beraten, auch wenn es der Gesellschaft sicher lieb ist, wenn sich am Strafmaß nichts mehr ändert.

Übrigens: Der Titel dieses Posts ist auch ein Zitat. Und zwar aus "Faust - Der Tragödie erster Teil" von Goethe. (Textpassage: "Auerbachs Keller in Leipzig")

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