6. November 2007

Zeit ist Geld

Nicht wenige Juristen inkl. mindestens zwei Blogs stolperten in der NJW über die Stellenanzeige einer Bensheimer Kanzlei und reagierten verstört. Kollege Peter Sansibar behielt einen kühlen Kopf und versuchte die tobende Menge mit einem Hinweis auf eine rettende Norm der Berufsordnung für Anwälte unter Kontrolle zu halten.

Mich packte die Neugier, mich packte der Wunsch nach investigativem Journalismus, mich packte das Verlangen nach einem klärenden Anruf.
Wer ist diese Kanzlei? Und: Ist sie üherhaupt?
Genug Zweifel an der Existenz einer Kanzlei, die bei solchen Gehaltsvorstellungen auf Chiffre-Anzeigen verzichtet und ihren Namen abdrucken lässt, gab es.

Ich rief also an. Ergebnis: Eine Angestellte vertröstete mich mit unverbindlichen Aussagen und verwies mich an die Chefin, die aber gerade einen Auswärts-Termin hat. Nach einigen erfolglosen Anrufen hatte ich eine andere Angestellte am Apparat, die mich durchstellen wollte, indem sie mir sagte, dass sie es mal bei der "Frau Dr." probiert. Diese Formulierung kannte ich eigentlich nur von Arzthelferinnen, was aber natürlich irgendwo zum Gesamtbild der Stellenanzeige ("Krankenfahrten") passt.

Nach längerer Zeit in einer Warteschleife mit Gedudel hatte ich selbige Angestellte am Rohr, die mir mitteilte, dass die Frau Dr. gerade außer Haus sei. (Warum musste ich dann so lange das Gedudel ertragen?) Sie beantwortete mir dann gerne selbst ein paar Fragen. Allerdings unter Hinweis, dass ich mal anrufen solle, wenn der "Senior-Chef" im Haus ist.

Meine Fragen waren folgende:
1. Wieviel Stunden muss ein Volljurist arbeiten, um auf das Gehalt von 1250,- Euro zu kommen?
Antwort: Sie geht davon aus, dass die Stunden Verhandlungssache seien. Selbige Äußerung hörte ich schon von der anderen Angestellten bei meinem ersten Anruf. Ist wohl eine Formulierung auf Weisung des Chefs. Ich fragte nach, ob man also der Frau Dr. im Bewerbungsgespräch sagen müsste, dass man für das Geld nur 15 Stunden pro Woche arbeiten möchte, was dann bestätigt wurde.

2. Braucht man einen Doktor-Titel?
Antwort: Nein. Diese Aussage könne sie mit Sicherheit treffen.

3. Braucht man ein Prädikats-Examen?
Antwort: Wohl nicht. Ich musste ihr zwar erklären, was ein Prädikatsexamen ist, aber dann meinte sie, sie geht davon aus, dass ein bestandenes 2. Staatsexamen ausreicht.

4. Muss man Experte im asiatischen Recht sein?
Antwort: Nein. Sie geht davon aus, dass man sich nur einarbeiten können muss.

Die Kanzlei hat übrigens auch mindestens zwei Anzeigen im Mannheimer Morgen geschaltet. Einmal am 20.10. und einmal am 27.10.2007. Dort heißt es aber sogar präziser als in der NJW "Anwaltskanzlei...sucht zwei junge Rechtsanwälte/Rechtsanwältinnen..."

Fazit: Klingt auf den 1. Blick schon harmloser, wenn man die Stundenanzahl pro Woche aushandeln darf. Allerdings hat der Job dann eher Nebenjob-Charakter. Und wer schon einmal in einer Kanzlei war, der weiß auch, dass Angaben zum zeitlichen Arbeitsaufwand i.d.R. nicht zu machen sind. Was an Arbeit da ist, muss abgearbeitet werden. Kann mir kaum vorstellen, dass man sich in der Kanzlei lange hält, wenn man nur die vereinbarten Stunden abarbeitet und die Akten liegen bleiben.
Naja, die meisten wollen dort sicher ohnehin gar nicht arbeiten und nehmen sich auch nicht nur wenig Zeit, wenn am Ende des Monats so wenig Geld auf das Konto fließt.

Wie formulierte es Ernst Ferstl ("Wegweiser") so schön?
"An Zeit fehlt es uns vor allem dort, wo es uns am Wollen fehlt."

Kommentare:

MollyB, Bloggerin hat gesagt…

Das ist nur traurig.

Wer wird die Kanzlei anzeigen? Ich als nicht-RAin duerfte das nicht.

Desperado hat gesagt…

Schau mal bei den Kollegen von Jurabilis vorbei: http://www.jurabilis.de/index.php?/archives/1335-Gesunder-Arbeitsmarkt.html

Dort entdeckte ich soeben den Eintrag von LawTom am 6.11.07 um 20:51 Uhr, Eintrag #6, der dort berichtet, den Fall schon vor 10 Tagen der Rechtsanwaltskammer Frankfurt gemeldet zu haben, nachdem auch er vorher bei der Kanzlei anrief.

Mein Verdacht war ohnehin, dass man sich in der Kanzlei am Telefon bei meinen Anrufen verleugnen ließ, weil ich nicht der erste Anrufer war.
Der Eintrag von LawTom bestätigt meine These.

BTW: Anzeigen sind nicht nur Rechtsanwälten vorbehalten. ;)

Desperado hat gesagt…

Hier nochmal der Link zu den Kollegen, nachdem die Kopie eben abgeschnitten wurde. Sorry!

Anonym hat gesagt…

Ganz einfaches Spiel: Auf die Anzeigen des Mannheimer Morgens hin bewerben. Im Bewerbungssgespräch als gewünschte Arbeitszeit 8 Std. im Monat angeben. Dann gegen die Ablehnung wegen Verstoßes gegen das AGG klagen ("jung").

Desperado hat gesagt…

Ich vermute aber mal, dass man auf die Anzeige hin erst dann i.S.d. AGG benachteiligt wurde, wenn der tatsächlich eingestellte Anwalt jünger ist als man selbst.

Aber Du hast Recht, dass die sich damit u.U. ins Knie geschossen haben, obwohl die mit "jung" vermutlich nur den Hinweis geben wollten, dass sich höchstens Berufsanfänger auf das Gehalt einlassen.

Ist echt interessant, welche Wellen diese Geschichte schlägt.

advantage hat gesagt…

Das mit dem AGG ist doch echt nen Ding. Dabei ist doch in jeder Arztpraxis (um bei dem Beispiel zu bleiben...) bekannt, daß man nicht schreiben darf:

"Suche blonde junge (18-23) Dame mit 90/60/90 für den Tresen" sondern nur "Suche nette Tresenkraft, Geschlecht, Alter usw. spielen keine Rolle". Man sucht sich dann natürlich trotzdem die süße knackige Blondine aus und verweist auf die überragende fachliche Qualifikation...

 

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