15. Februar 2008

95 Jahre Urheberrecht? - Die journalistisch schlechte Aufarbeitung

Von Spiegel-Online sollte man doch wohl erwarten dürfen, sich juristische Dinge zweimal durch den Kopf gehen zu lassen, bevor man drauf los schreibt. Im besagten Artikel wird gleich zu Beginn im Zusammenhang mit der "geplanten Ausdehnung des Urheberrechts" von 50 Jahre auf 95 Jahre folgendes behauptet:
Wenn Robbie Williams heute ein Lied veröffentlicht, dürfen die Enkel seiner Fans den Song ab dem 15. Februar 2058 völlig legal tauschen, öffentlich mit ihrer eigenen Band nachspielen oder auf einem selbst zusammengestellten Musiksampler verkaufen - denn in der Europäischen Union gilt ein Urheberrechtsschutz von 50 Jahren auf Tonträger und ausübende Künstler.
Ok, Robbie Williams ist ausübender Künstler. Aber abgesehen davon, dass der Tausch von Musik im Rahmen der digitalen Privatkopie i.S.d. § 53 UrhG auch heute schon legal sein kann(!), so wird doch vergessen, dass der Komponist der Robbie-Williams-Songs (oder seine Erben) immer noch ein Wörtchen mitzureden hat, was den Verkauf selbst zusammengestellter Musiksampler (im Fachjargon: Kopplungen) angeht. Dessen Urheberrecht erlischt gemäß § 64 UrhG nämlich erst 70 Jahre post mortem. Da er noch lebt, wird das 2058 nicht der Fall sein.

Hier wurden Urheberrecht und Leistungsschutzrecht bunt durcheinandergewürfelt. Das Leistungsschutzrecht ist zwar im Urheberrecht verankert (§§ 73 ff. UrhG), schützt aber keine schöpferische Leistung, sondern "nur" die darbietende Leistung, und zwar gemäß § 82 UrhG für 50 Jahre.
Tonträger beinhalten beide Leistungen und werden daher bei der GEMA und(!) gegebenenfalls (bei professionellen Produktionen immer) bei der GVL angemeldet. Vereinfacht gesagt schützt die GEMA schöpferische Leistungen, die GVL dargebotene Leistungen.

Somit steckt noch ein weiterer Fehler im oben zitierten Absatz: Die Songs dürften - wenn denn die schöpferische Leistung schon außer Acht gelassen wird - bereits heute durch Provinz-Bands nachgespielt werden. Verletzt werden dabei "nur" die Rechte des Autors der Songs, nicht die Rechte von Robbie Williams und der Studiomusiker.

Es ist ja sehr honorig, wenn EU-Kommissar Charly McCreevy die Dauer der Leistungsschutzrechte ausweiten will, um die Rente der Studiomusiker von den Rolling Stones u.ä. zu schützen. 95 Jahre erscheinen da aber vielleicht doch auch wieder etwas lang.
Nichtsdestotrotz wird außerdem eine weitere Tatsache im Spiegel-Artikel nicht erwähnt: Ein Leistungsschutzrecht an den Aufnahmen steht auch den Tonträgerunternehmen zu und es brat mir doch einer einen Storch, wenn die Schutzdauer nicht auch für die Musikindustrie ausgeweitet werden soll.

Kommentare:

Peter Sansibar hat gesagt…

"...und es brat mir doch einer einen Storch..."
Du bist doch Vegetarier! :)

Vielen Dank für die Richtigstellung - Journalisten schreiben gerne mal über Dinge, von denen sie wenig bis gar nichts verstehen.

Innozenz hat gesagt…

@peter: ja, die unterscheidung von berufung und revision klappt meist auch nicht so toll...

@desperado
sehr schön und treffend geschrieben! Endlich mal wieder ein "rein rechtlicher" beitrag...

Zur Schutzfrist-Ausweitung auf 95 Jahre:

Wäre schlimm. Stirbt ein Urheber kurz nach der Werkschöpfung, können seine Erben noch 70 Jahre lang abkassieren - warum denn auch die Enkel, das ist schon viel zu lange! Stirbt jetzt der Interpret kurz nach der Aufnahme, sollen die feinen Erben sogar noch fast 100 Jahre lang die Hand aufhalten können?! Ja wofür das denn?!

Dass ein ausübender Künstler nach heutigen Recht "weniger" hat als der Urheber, hat schließlich auch einen guten Grund: Nur der Urheber bereichert die Kulturgemeinschaft zB um ein neues Lied, der ausübende Künstler trällert es bloß!

Aber wirst du natürlich recht haben: da steckt die Plattenlobby dahinter, die bloß unter dem Mältelchen des Interpretenschutzes vorgeht... die wollen ihr eigenes LSR entweder auch verlängert haben oder lassen sich einfach das der Interpretenerben lizensieren. Da hat die Lobby ja mal wieder ganze Arbeit geleistet. Hut ab. Da können sich die Genmais-Lobbyisten mal ein Beispiel nehmen, diese Stümper!

Desperado hat gesagt…

@peter: Hee, jetzt hast Du der Öffentlichkeit aber einen deftigen Hinweis zu meiner Identität gegeben. ;)

@innozenz wegen Berufung/Revision: Der Knüller war, als in einer Zeitung mal ein Staatsanwalt zitiert wurde, dass es sich bei der i.d. Zeitung beschriebenen Straftat nur um Totschlag handeln könne, da es schließlich am Vorsatz fehlte. Das hat der Staatsanwalt sicher nie im Leben behauptet, aber zitiert wurde er so, worüber sich "auf'er Arbeit" vermutlich auch die Kollegen amüsierten.

Christian hat gesagt…

Hallo
Natülich stecken da die Lobbyisten dahinter. Ich habe je länger desto mehr den Eindruck, Gesetze werden nicht mehr für das Volk gemacht um das Zusammenleben zu regeln sondern um einzelne Gruppen möglichst vorteilhaft dastehen zu lassen.

C'est la vie...

Christian

 

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