21. Februar 2008

Nochmal 95 Jahre

Das hier bei StattAller bereits aufgegriffene Thema "Verlängerung der Schutzfristen für Künstler" wurde nun auch von einem weiteren Blog näher beleuchtet. Das dort vertretene Argument für die Verlängerung der Schutzfristen lautet inhaltlich: Nicht der Komponist, sondern der ausübende Künstler ist der Öffentlichkeit bekannt.
Dies mag für den Moment richtig sein, aber auf lange Sicht gesehen nicht. Der populäre Künstler wäre nie zu etwas geworden ohne einen guten Song. Zumindest dieser bleibt der Öffentlichkeit bekannt. Wenn ein Künstler wie Paul Anka lange Zeit von der Bildfläche verschwand, obwohl er in den 50er und 60er Jahren ein überragender Superstar war, dann nicht deswegen, weil er das Singen verlernt hat, sondern deswegen, weil sich ihm keine Gelegenheit bot, Songs zu trällern, die die Menge hören wollte. Glücklicherweise fand er dann 2005 in Alex Christensen mit von ihm produzierter Swing-Musik den Retter in der Not, was den "Stern" sinngemäß schwärmen ließ: Robbie Williams lieferte das Gesellenstück, Paul Anka das Meisterstück.

Auch wurden viele etwas verstaubte Stücke durch modernere Popstars wieder ins Rampenlicht gerückt, was zeigt, dass es der Song ist, der unsterblich ist, nicht der Sänger oder die Band, von wenigen Ausnahmen abgesehen.
An wen denkt man heute bei dem Song "Crying in the rain"? Nicht an die (durchaus auch großartigen) Everly Brothers, sondern an A-Ha.
"You keep me hanging on" war in den 80ern ein Mega-Hit von Kim Wilde. Doch bereits in den 60ern sangen diesen Song erst die Supremes und dann Vanilla Fudge.

Wenn man noch weiter zurückgeht, wird es deutlicher: Felix Mendelssohn-Bartholdy schrieb sein Violinkonzert in e-Moll für den zur damaligen Zeit sehr populären Geiger Ferdinand David. Während Ferdinand David nur sehr ausgebufften Klassik-Fans ein Begriff ist (und auch dann eigentlich nur im Zusammenhang mit Mendelssohn), ist das Violinkonzert heutzutage quasi dem "Mainstream der klassischen Musik" zuzurechnen, welches sehr oft noch von den heutigen Violin-Solisten mit Orchestern gespielt wird.

Ich möchte hier gar nicht die Wertschätzung gegenüber den ausübenden Künstlern schmälern. Viele Popstars haben zu Recht Geschichte geschrieben, wurden aber nunmal auch erst durch die Songschreiber zu dem, als was sie heute gelten. Und an die reinen Studiomusiker erinnert sich sowieso kaum einer mehr. Insofern ist die Unterscheidung zwischen dem schöpferischen und dem dargebotenen keinesfalls unfair. Ein fünfzigjähriges Leistungsschutzrecht ist schon recht lang, auch wenn es Fälle geben mag, in denen die Studiomusiker länger leben als einige ihrer Leistungsschutzrechte, so dass eine Verlängerung gerechtfertigt sein kann. 95 Jahre hingegen sind definitiv zu lang.
Die Leistungen des Sängers und des Komponisten sind unterschiedlich, ja, und dieser deutliche Unterschied sollte sich auch in den Schutzfristen weiterhin manifestieren.
Wie Innozenz als Kommentar unter dem oben erwähnten Artikel schrieb: Wieso sollen auch die Enkel von dargebotener Musik profitieren?

Kommentare:

Nils hat gesagt…

Netter Post, nur: Warum soll die mangelnde Bekanntheit ausübender Künstler ein Argument gegen die Schutzrechtsverlängerung sein?

Das Gegenteil ist richtig. Denn wenn Paul Anka eben so unbekannt ist, dann liegt es doch daran, dass seine Interpretation nicht mehr gespielt wird und deshalb auch ruhig noch 1000 Jahre geschützt sein kann.

Ratio der Schutzfreigabe im UrhR ist, dass auf das freigewordene Werk aufgebaut werden kann, dass es umgestaltet und bearbeitet werden kann. Wenn aber bei der Interpretation auch nur diese geschützt ist, dann stellt sich mir die Frage, wer auf ihr aufbauen soll.

Die Antwort auf die Frage, warum auch noch die Enkel profitieren sollen, lautet also: Weil es offensichtlich immer noch jemand hören will, und weil niemand Bedarf an einer Überarbeitung von Onkel Pauls Interpretation hat. Wäre Onkel Paul Maurer gewesen, würden die Enkel auch immer noch in der Hütte wohnen können (die übrigens aufgrund der bisherigen Versteuerung günstiger vererbt worden wäre).

Desperado hat gesagt…

Cooler Hinweis mit der Besteuerung. ;)

Insgesamt finde ich Deine Argumentation wirklich sehr gut und muss Dir in gewisser Weise Recht geben. Jedoch nur für die Leadsinger. An den Leistungsschutzrechen sind ja auch viele andere beteiligt. Studiomusiker profitieren davon, dass die Platte, auf der sie für ein Pauschalhonorar mitspielten, plötzlich bekannt wird. Nicht zu vergessen die Plattenfirmen. Deswegen nannte ich in meinem vorherigen Post zu dem Thema den Verdacht auf Lobby-Arbeit.

Ich habe ja gar nichts gegen die Verlängerung der Schutzfristen an sich, aber es ist doch ein deutlicher Unterschied zwischen "Song schreiben" und "Song darbieten", der sich ja auch in den Schutzfristen manifestieren muss. Wenn die Leistungsschutzfristen auf 95 Jahre angehoben werden, ist es theoretisch möglich, dass das Recht an der Darbietung längert währt als an der Komposition.

 

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