14. Juni 2008

Die Wucht der StA

Vor Gericht wird die Staatsanwaltschaft normalerweise nur von einer Person vertreten. Um die Staatsanwälte zu entlasten, hat man ja glücklicherweise Referendare oder Amtsanwälte für den Sitzungsdienst. In den ersten 4 Wochen begleiten die Referendare noch einen Amtsanwalt (der Begriff ist neutral von mir gemeint, also auch für Frauen verwendbar), um das Rüstzeug zu erlernen und im Beisein eines Profis den Anklageschriftsatz zu verlesen und das Plädoyer zu halten. Dabei sind einem Amtsanwalt zwei Referendare zugeteilt. So saß ich letzte Woche mit einem Amtsanwalt und einem Referendarskollegen links vom Richtertisch. Alle natürlich in Robe mit weißem Hemd und weißer Krawatte.
Da kam der Verteidiger eines der beiden Angeklagten (Körperverletzung mit ziemlich viel Alkohol im Spiel) in den Raum und schaute absolut verdattert in unsere Richtung. Nachdem er sich gefangen hatte, fragte er:
"Sagen sie doch mal bitte: Warum sitzen Sie hier zu dritt?"
Mein Amtsanwalt brachte staubtrocken eine ziemlich coole Antwort:
"Als wir hörten, dass Sie der Verteidiger sind, haben wir es mit der Angst bekommen."
Natürlich wurde die Situation noch aufgeklärt, aber dass neben den Angeklagten nicht einmal deren Verteidiger wissen, dass Referendare vor Gericht auftreten und natürlich eine Einarbeitungszeit bekommen, war verwunderlich. Die Verteidigerin des anderen Angeklagten erinnerte sich auch nicht mehr an eine Einarbeitungszeit, woraufhin mein Amtsanwalt gespielt beleidigt daruf hinwies, wie enttäuschend das sei, dass die Zeit mit dem Amtsanwalt damals keinen bleibenden Eindruck hinterließ.

Das Verfahren wurde dann übrigens nach § 153a StPO eingestellt. Das hätten wir ohne Amtsanwalt nicht tun dürfen. Für solche Fälle bittet man dann um Unterbrechung und ruft seinen Ausbilder an. Bei der Festlegung des Geldbetrages an eine gemeinnützige Einrichtung geht es nach dem Einkommen. Dabei war der Verteidiger dann noch etwas angepisst, dass sein Mandant mehr zahlen musste als der Mandant der Kollegin, aber er hatte nunmal auch mehr Geld pro Monat zur Verfügung.

Kommentare:

Carsten R. Hoenig hat gesagt…

Mich hat man damals auch nicht vorgewarnt oder eingearbeitet, sondern direkt ins kalte Wasser geworfen. Deswegen bin ich heute auch kein Staatsanwalt, sondern Strafverteidiger.

Viel Spaß noch bei den Sitzungsvertretungen. Das waren für mich die Highlights meiner Ausbildung.

Und: Genießen Sie das Lampenfieber. ;-)

Desperado hat gesagt…

Ah ja, dann scheint das wohl bundeslandabhängig zu sein. Die beiden Verteidiger wurden in derselben StA ausgebildet, woraufhin der Amtsanwalt meinte, dass hier seit 30 Jahren (er ist schon etwas betagter) so verfahren wird, dass ein Amtsanwalt einarbeitet.

Ich bin aber auch froh drüber, die ersten Male einen Amtsanwalt dabei zu haben. :-)

petronella hat gesagt…

Das ist tatsächlich Bundeslandabhängig - in Berlin wird man sofort ins kalte Wasser geworfen. Man darf sich natürlich vorher gerne in der Freizeit Sitzungen aus dem Zuschauerraum angucken. Aber das ist nicht annähernd das gleiche... ;)

 

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