3. Juli 2008

Der erste Freispruch

Als frisch gebackener Referendar bei der StA freut man sich doch auch, wenn man mal einen Freispruch beantragen kann. So kam es dann heute zum ersten Mal bei mir dazu. Gefällt mir vom Feeling her besser als immer nur Tagessätze, aber wenn einer böse war, dann beantrage ich gerne auch etwas Böses.
Nur im heutigen Fall war es so, dass sich alle (fast komplett miteinander befreundete) Zeugen in schier unglaubliche Widersprüche verwickelten, nur die Aussagen des Angeklagten waren absolut glaubhaft. Da dieser auch mal vor einiger Zeit mit denen befreundet war, lag es nahe, dass sie ihm etwas anhängen wollten. Wäre die Verhandlung bei Sat1 ausgestrahlt worden, hätte keiner gemerkt, dass es keine typische Gerichtssendung ist. Blöderweise waren die mutmaßlichen Taten auch noch in einer Bewährungszeit begangen worden, so dass der Angeklagte nach Aktenlage sogar zu einer Haftstrafe hätte verurteilt werden können. Das wäre ganz schlimm, denn endlich hat er einen vernünftigen Beruf, eine neue Freundin und bald eine gemeinsame Wohnung. Sieht aus, als würde er sich fangen. (Gott-sei-Dank war es eine Fortsetzungsverhandlung, so dass ich meinen 1. Eindruck schonmal mit dem Ausbilder besprechen konnte.)
Vor meinem Plädoyer stoppte der Verteidiger nochmal, indem er meinte, er wolle erstmal wissen, ob wir hier alle in die gleiche Richtung wollen.
Ich meinte augenzwinkernd: "Lassen Sie sich überraschen."
Die Richterin meinte zu ihm: "Beweisanträge können Sie immer noch stellen."
Und so freuten sich dann alle, dass wir tatsächlich in die gleiche Richtung wollten und es Freispruch wurde.
Glücklicherweise hat auch die Richterin in der Urteilsverkündung noch einmal betont, wie glaubhaft die Angaben des Anklagten waren und wie unglaubhaft die Angaben der Zeugen. Nicht, dass ich Grünschnabel aus Versehen die Zeichen falsch deutete.

Kommentare:

fernetpunker hat gesagt…

Dann haben Sie sicher gleich noch ein Ermittlungsverfahren wegen (uneidlicher) Falschaussage begangen durch die unglaubhaften Zeugen eröffnet?

PR hat gesagt…

Und haben Sie die offensichtlich falsch Aussagenden vereidigen lassen? Allein der Antrag dazu hilft manchmal ungemein bei der Wahrheitsfindung!

Maus hat gesagt…

gückwunsch! sowas ist doch schön zu hören

advantage hat gesagt…

pr: soll man die Unwahrheit sagende Zeugen in den Meineid treiben...?

fernetpunker: und bitte nicht die falsche Verdächtigung usw. vergessen

desperado: ich habs regelmäßig gemacht mit den neu eingeleiteten Ermittlungsverfahren; am Ende der Station hatten Referendarkollegen dazu dann auch schon die Anklagen verfasst!

Mediator hat gesagt…

In meiner Referendarzeit kam ich bei einem Verkehrsunfall mit völlig unglaubwürdigen Zeugen ebenfalls zu einem Antrag auf Freispruch, dem dann auch stattgegeben wurde. Später meinte die Richterin zu mir, das hätte sie noch nicht erlebt, daß ein Referendar einen Freispruch beantragt hätte. Im übrigen hätte sie dem Angeklagten ja eine Einstellung des Verfahrens mit der Auflage, etwas zu "spenden", aufgegeben. Meistens sei an den Verkehrsunfallsachen ja auch etwas dran - selbst wenn man das nicht nachweisen könne.
:-o

pr hat gesagt…

@advantage: Klar, ein hiesiger Strafrichter hielt das zwar mal für einen Verstoß gegen die EMRK, allerdings sind viele Kollegen gegenteiliger Auffassung. Wer vor Gericht trotz Belehrung bewußt lügt, muss die Konsequenzen auch tragen!

@mediator: In meiner Referendarzeit habe ich auch einen Freispruch beantragt. Wenn es die Sach- und Rechtslage nicht anders hergibt, warum nicht? Ich würd nur sicherheitshalber mit dem diensthabenden oder sachbearbeitenden StA die Angelegenheit kurz telefonisch besprechen.

 

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