15. August 2008

Überlebenswichtiger Tipp für den Aktenvortrag im Examen

Unser AG-Leiter (StA Kiel) hat uns doch tatsächlich unbekanntere Tipps für den Aktenvortrag gegeben, von denen ich mindestens einen für überlebenswichtig halte. Ich hatte mich eigentlich selbst zuvor schon etwas informiert, da ich am Mittwoch in der AG einen Aktenvortrag halten durfte. Neben ausgeteilten Materialien halfen mir Solbach JA 1995, S. 226 ff. "Dreizehn Regeln für den strafrechtlichen Vortrag im Assessorexamen" und Jäckel JuS 2003, 598 ff. (ausformulierter Aktenvortrag, der sich leider nur mit einer Einstellung gemäß § 170 Abs. 2 StPO beschäftigt). Dennoch konnte unser AG-Leiter ergänzen.

Hier der von ihm genannte überlebenswichtige Tipp:
"Nutzen Sie für Ihre vorbereiteten Stichworte nicht mehr als einen Zettel und schreiben Sie Ihren Namen in die oberste Zeile."
Er ist ein gebranntes Kind. In seinem eigenen Examen lasen drei von fünf Leuten zu viel Text ab, was schon dadurch indiziert wurde, dass mehr als ein Zettel genutzt wurde. Da die Prüfer nicht mehr auf die Reihe bekamen, wer ablas, wurde pauschal gesagt "Sie haben alle abgelesen.", was zu Punktabzug führte. Für diesen Zweck soll der Name in die oberste Zeile, so dass man sofort gegenhalten kann: "Zeigen Sie mir meinen Zettel. Was habe ich denn daran abgelesen?"
Ich formuliere bei Vorträgen grundsätzlich nicht aus und schreibe so wenig wie möglich vor, da ich ansonsten den Überblick über meinen Text verliere und mich nicht mehr zurechtfinde. Dennoch finde ich es schwer, die Stichworte eines Aktenvortrages auf nur eine Seite zu bekommen, da man in der Eile auch etwas größer und weniger eng schreibt. Werde diesen Tipp aber jetzt befolgen.

Ansonsten weitere typische Fehler und Tipps, die in unserer AG aufkamen:
  • Zwar selbstverständlich, aber trotzdem erwähnenswert: Kein Gutachtenstil, sondern Urteilsstil. Daran muss man sich zu Anfang wohl etwas gewöhnen, aber dann sollte es drin sein, z.B. "Hehlerei kommt nicht in Betracht."
  • Sehr auf die korrekten Zeitformen achten: Dem Beschuldigten vorgeworfene Taten im Imperfekt ("Er nahm Peter Sansibar das Handy weg, um es für sich zu behalten."), Ermittlungshandlungen und Prozesshandlungen im Perfekt ("Die Polizei hat die Identität des Beschuldigten festgestellt."), Vorbringen des Beschuldigten im Präsens ("Der Beschuldigte gesteht die Tat."), im Tatvorgang getätigte Äußerungen im Konjunktiv I ("Unmittelbar vor der Schlägerei warf die Beschuldigte dem Geschädigten vor, er habe ihren Freund Peter Sansibar beleidigt."). Falls Konjunktiv I mit dem Präsens übereinstimmt, dann nimmt man Konjunktiv II ("...sie hätten ihn beleidigt.").
  • Wenn ein Haftbefehl angesprochen, aber abgelehnt werden soll, dann kurz und knackig: "Kein Haftgrund." Nicht lange über Verhältnismäßigkeit schwafeln.
Das also einmal als Ergänzung zu den typischen wiederkehrenden Tipps. Falls anderen Referendaren Ergänzungen aus den eigenen AG's einfallen sollten, freut sich das StattAller-Team über fleißige Kommentierungen.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ich kenne den Tipp (nur eine Seite Notizen), halte ihn aber nicht für richtig, da es in der großen Nervosität des "echten" Vortrags wichtig ist, groß geschriebene und übersichtliche Notizen zu haben. Bei mir warens dann immer so 3-4 Din-A4-Seiten. Das Blättern störte keinen, glaube ich. Richtig ist aber, das man nur so grobe Stichworte schreiben und auf seine eigene Fähigkeit zu formulieren setzen sollte, mit Ausnahme des ersten Satzes, den man (quasi zum Reinkommen) vielleicht komplett aufschreiben sollte... "Ich berichte über ..." blabla.

Anonym hat gesagt…

Sie schreiben: "Für diesen Zweck soll der Name in die oberste Zeile, so dass man sofort gegenhalten kann: 'Zeigen Sie mir meinen Zettel. Was habe ich denn daran abgelesen?' "

Wie stellen Sie sich das vor? Nach Verkündung des Ergebnisses kann die Kommission die Note nicht mehr ändern, selbst wenn sie wollte.

Desperado hat gesagt…

@anonym Nr.2:
1. Das war ein Zitat unseres AG-Leiters.
2. Er meint damit vermutlich, dass man auf diese Weise schon einmal den Weg zum Widerspruch ebnen kann.
3. Es wird vermutlich gar nicht dazu kommen müssen, wenn man den Namen in die obere Zeile schreibt, da die Prüfer dann sogleich zuordnen können, wer abgelesen hat. In seinem Fall war es nur so, dass die Prüfer es nicht mehr auf die Reihe bekamen, welcher Zettel zu wem gehört.
Sorry, wenn ich mich da missverständlich ausgedrückt habe.
Fazit: Finde den Trick mit dem Aufschreiben des Namens immer noch sehr gut, aber danke. :)

Anonym hat gesagt…

So wie die Geschichte klingt konnte der AG Leiter also damals nur wegen des fehlenden Namens nicht "beweisen", dass er nur wenige Notizen hatte?

Wenn das wirklich der Grund für einen zu Unrecht (!) erfolgten Punktabzug war, hätte er im Widerspruchsverfahren auf die Zuordnung der Zettel anhand der Schriftbilder verweisen/bestehen müssen.

Desperado hat gesagt…

@ Nr. 4:
So leicht ist das leider mit dem Widerspruchsverfahren nicht. Ein Freund von mir legte berechtigterweise Widerspruch gegen die Benotung seiner Hausarbeit im 1. Examen ein. Leider erfolglos. Und das, obwohl nur einer der vier Prüfer die Hausarbeit in der Benotung derbe nach unten zog und eine weitere hinzugezogene Professorin bestätigen konnte, dass der vierte Prüfer einen bestimmten Punkt (aus dem Forschungsschwerpunkt der Professorin!) rechtlich falsch gewürdigt hat.

Da bin ich lieber auf der sicheren Seite und schreibe meinen Namen auf den Zettel, damit die Prüfer vor Notenvergabe zuordnen können, wer abgelesen hat und wer nicht. Für die zwei Worte habe ich auch noch Platz...

Anonym hat gesagt…

Jaja, Dr. S. und seine Schoten...

Desperado hat gesagt…

@Nr. 7 (anonym): Aha! Auch aus Kiel? Kennen wir uns? :-)

Nils hat gesagt…

Bei Dr. S. fragt man sich wirklich, ob er zu oft den pathologisch-verrückten Staatsanwalt im Tatort gesehen hat und meint, so sei das richtig.

Glaub ihm nichts.

Desperado hat gesagt…

Hi Nils! Schön, Dich mal wieder zu lesen. Wolltest Du nicht mal überlegen, bei uns mitzuschreiben? :-)
Ja, Dr. S. geht manchmal etwas ab, aber ich finde, durch seinen lebendigen Erzählstil kann man ihm gut zuhören. Und den Tipp mit dem aufgeschriebenen Namen finde ich immer noch gut.
Wenn Du seine Schoten kennst, heute erzählte er von seinem Spruch zu einem Richter: "Die StPO ist keine Vorschlagsammlung." ;-)

 

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