5. August 2008

"Der Staatsanwalt hat seinen netten Tag"

Komme gerade vom Sitzungsdienst zurück. Dabei hatten wir eine ältere Dame, die ein paar Ladendiebstähle auf dem Kerbholz hatte. Sie ist das zweite Mal vor Gericht. Das letzte Mal bekam sie ebenfalls wegen Ladendiebstahls 40 Tagessätze aufgebrummt. Und auch beim letzten Mal hatte sie laut BZR-Auszug einen "53" in der Paragraphenkette. Daher durchaus vergleichbar. Ich dachte dann für heute an 60 Tagessätze, da die Angeklagte sich mit dem Laden zivilrechtlich geeinigt hat und die gestohlenen Klamotten nun nachträglich in 100 Euro-Raten abbezahlt. Daher zeigte sie ja sehr guten Willen, die Sache zu bereinigen. Mein Ausbilder handelte mich in der Vorbesprechung dann sogar aus diesem Grund auf 50 Tagessätze runter.

In der Verhandlung schimpfte der Richter sehr mit der Angeklagten und sagte ihr, dass er nicht gerade davon ausgeht, dass sie mit einer Geldstrafe davonkommt. Es ergab sich aber in der Verhandlung nichts, was ich nicht schon aus der Akte wusste. Insofern blieb ich bei den 50 Tagessätzen und begründete das im Plädoyer damit, dass die Angeklagte geständig ist und sich sehr um eine Wiedergutmachung bemüht. In der Urteilsbegründung durfte ich dann folgendes hören:
"Der Staatsanwalt hat heute seinen netten Tag. Wahrscheinlich hat er sich davon erweichen lassen, dass Sie die gestohlene Ware in 100-Euro-Raten abzahlen. Es wäre durchaus schon eine Freiheitsstrafe angebracht gewesen, aber ich wollte nun auch nicht höher gehen, als es die Staatsanwaltschaft beantragt."
Nun ja, ok, sicher fehlt mir die Routine, was das Strafmaß angeht, aber die Angeklagte war "erst" das zweite Mal vor Gericht und selbst mein Ausbilder handelte mich von 60 auf 50 Tagessätze runter. Da wäre ich mir irgendwie selbst nicht treu geblieben, wenn ich eine Freiheitsstrafe beantragt hätte, nur weil der Richter schon solche Andeutungen machte.

Kommentare:

PR hat gesagt…

Richtig! Wenn der Richter der Auffassung ist, eine Freiheitsstrafe sei angebracht, kann er sie ja auch so verhängen und die StA damit "übertreffen".
Kenne sowas aus der Vergangenheit als Referendar auch. Bei der (mit meinem Ausbilder abgestimmten) Beantragung von 6 Monaten auf Bewährung für einen 263er Ersttäter (allerdings mit hohem Schaden) erntete ich vom Richter den Kommentar: "Na Sie sind aber heut schüchtern mit Ihrem Strafmaß!"

Desperado hat gesagt…

Danke für den Zuspruch. Sehe das ganz genauso und wunderte mich, dass der Richter nicht einfach höher ging anstatt bissige Kommentare in meine Richtung zu geben.
In der Verhandlung vorher war es ähnlich: Es ging um einen "rücksichtslosen Überholer". Der Angeklagte selbst hatte den größten Schaden weggetragen: Lange im Krankenhaus und Totalschaden seines teuren Autos, an dem er jetzt noch vier Jahre lang einen Kredit abzahlen wird. Das andere unfallbeteiligte Auto kassierte nur einen Kratzer, die Fahrerin verzichtete auf Stellung eines Strafantrags. Das Ding hätte ich am liebsten eingestellt, aber der Richter fährt die gleiche Strecke jeden Tag und regt sich sehr über die dortigen Überholer auf. Nun musste einer bluten...

Brandau hat gesagt…

Vielleicht wollte er sie auch einfach etwas erschrecken, damit sie die Sache auch ernst nimmt

Desperado hat gesagt…

@Brandau: Klar, das könnte sein, aber der Richter hat es mir gegenüber danach nicht richtiggestellt, insofern hätte er wohl eigentlich wirklich lieber mehr verhängt, denke ich. Frage mir nur, warum er meinen Antrag dann nicht ignoriert hat.

 

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