9. August 2008

Ein Referendar auf Streife

Natürlich nahm ich das Angebot wahr, im Rahmen der Referendarsausbildung mit der Polizei unterwegs zu sein. Ich suchte mir für das Wochenende die Schicht von 20-6 Uhr aus, da dort möglicherweise viel passiert. Mir wurde dann aber gleich zu Beginn eröffnet, dass man das nicht so pauschal sagen kann, weil bestimmte Discotheken in der Bergstraße mittlerweile besser selektieren, wer reinkommt und wer nicht. Während ich noch mit dem Dienstgruppenleiter sprach, fuhren schon welche raus, also saß ich erstmal rum und las Zeitung: Pininfarina ist tot!

Als ich dann aufgelesen wurde, erlebte ich das volle Programm: Besoffene, die in Gewahrsam gebracht wurden; Körperverletzung in einer Kneipe (Täter über alle Berge); Fahndung nach einem Raubüberfall (wir entdeckten den Täter dank der Täterbeschreibung, dann ab ins Gewahrsam); kaputtes Rücklicht eines vorweg fahrenden Autos und Ruhestörung.

Ein besoffener älterer Herr lag auf der Straße und schlief. Es war gar nicht so leicht, den wachzubekommen. Als er redete, fragte ihn ein Polizist: "Haben Sie was getrunken?" Seine Art zu sprechen machte die darauf folgende Antwort unglaubhaft: "Nöööö." Er war kaum in der Lage zu pusten, doch als es beim dritten Anlauf gelang, sagte der Beamte: "Nichts getrunken? 2,6! Das ist ein stolzer Wert." Nachdem er ins Gewahrsam gebracht wurde, wollte er auf Toilette. Es gibt eine Toilette auf dem Gang extra für diese Leute. Ein Polizist setzte ihn aufrecht hin, aber der Herr wollte (verständlicherweise) alleine urinieren. Als der Polizist gerade die Tür anlehnen wollte, stürzte der Mann vom Klo und schlug sich den Kopf auf. Ein Arzt wird für die In-Gewahrsam-genommenen ohnehin immer gerufen, aber jetzt musste auch noch genäht werden, also wurde ein Rettungswagen angefordert. Auf dem Boden liegend ließ der Herr sich ungern aufheben und pinkelte weiter.
Ich hatte eh schon immer Respekt vor der Arbeit der Polizei, aber jetzt ist der Respekt noch weiter gewachsen. Die ganze Zeit wurden sie von diesem Herrn durchbeleidigt, er benahm sich daneben und war dann noch eklig. Zwei Stunden vorher haben wir schon einen sehr übel (nach altem Urin) riechenden anderen Betrunkenen geholt, der aber wesentlich kooperativer war. Hätte ich Polizist werden wollen, hätte ich niemals an diesen unangenehmen ("ekligen") Teil gedacht.

Kommentare:

Johnny Kuppler hat gesagt…

Ui, dann hab ich aber Glück gehabt, dass ich nicht letztes Wochenende sondern Di losgezogen bin. Hätte mich ungern von Dir einsammeln lassen...

Desperado hat gesagt…

Bei allem Respekt: An die Grenze, eingesammelt werden zu müssen, kommst Du wohl glücklicherweise nicht. ;)

Hans Kolpak hat gesagt…

Mich beeindruckt immer wieder die Einsicht, daß es auf die einzelne Situation und auf den einzelnen Menschen ankommt. Deshalb habe ich am Mittwoch am Nordseestrand in Belgien zwei und heute am Waal-Strand in den Niederlanden eine Glasscherbe aufgehoben und an ungefährlicher Stelle deponiert.

Hans Kolpak
Jura-Weblog.de

irelandwolf hat gesagt…

Na super. Ist doch seine Sache ob er betrunken ist, solange er niemanden stört hättet ihr ihn auch liegen lassen können. Und selbst wenn er gestört hätte, warum die Mitnahme auf die Wache?

Desperado hat gesagt…

Der Kerl lag auf der Straße und hatte 2,6 Promille! Er konnte nicht mehr alleine gehen, musste gestützt werden und es war mitten in der Nacht. Zu seinem eigenen Schutz musste er ausgenüchtert werden, bevor er wieder in die Nähe von Autos spazieren durfte. Hast Du diese Woche das Verfahren gegen die beiden Polizisten verfolgt, die einen Jugendlichen besoffen an einer Straße aussetzten? Du bist doch auch Jurist?
Nee, nee, das war schon richtig, den Kerl aus meinem Artikel auszunüchtern. Nebenbei gesagt ist das echt polizeiliche Routinearbeit. Das war nicht der erste Fall. Es gibt Nächte, da sind alle(!) Ausnüchterungszellen mit genau derartigen Fällen belegt.

irelandwolf hat gesagt…

Ich bin kein Jurist, ich fang erst mit dem Studium an. Unabhängig davon bin ich der Meinung, dass die Menschen für ihr Handeln selbst verantwortlich sind und in ihrer Freiheit, auch wenn sie negative Auswirkungen für sie hat, nicht beschränkt werden dürfen.

Natürlich stehen da viele moralische Gründe dagegen. Das hat sich auch bei den Polizisten hochgeschaukelt (die übrigens den Schüler ausgesetzt haben, nicht nicht beachtet haben).

Letztendlich steht hinter allem mein Nicht-Respekt vor der Berufsgruppe "Polizei".

Desperado hat gesagt…

Na ja, gut, dann bist Du also in wenigen Wochen Jurist. (Ich schrieb ja nicht von "Volljurist".)
Deine Äußerungen wirken ein wenig so, als sei Deutschland ein Polizeistaat, der Dich in Deiner Freiheit beschränkt? In wenigen Monaten wirst Du Dich vermutlich darüber freuen, wo wir leben, wenn Du durch die ÖffRechts-Vorlesungen feststellst, dass man in unserem Land sogar vor das Bundesverfassungsgericht ziehen kann, nur weil man nicht im Wald reiten darf.
Und Polizisten machen auch nur ihre Arbeit, die nicht immer schön ist. Pauschal von "Nicht-Respekt" zu schreiben, finde ich nicht so gelungen.
Die Polizisten, die den Schüler aussetzten, haben übrigens einiges nicht beachtet. Der Schüler war nur mit T-Shirt bekleidet, war orientierungslos und fror. Auch dieser hätte geschützt werden müssen.
Und wer - wie der Mann in meinem Artikel - 2,6 Promille hat und auf einer befahrenen Straße einschläft, ist offensichtlich nicht mehr für sein Handeln selbstverantwortlich, sondern benötigt Hilfe. Stell Dir vor, Du überfährst so einen Besoffenen. Bist Du dann zeit Deines Lebens unglücklich oder sagst Du Dir: "Ach, ich hatte keine Schuld, der war ja für sein Handeln selbst verantwortlich und hätte auch woanders schlafen können." Ich bin froh, wenn die Polizei mich (und den Besoffenen) vor solchen Situationen bewahrt.

irelandwolf hat gesagt…

Letztendlich hast du wahrscheinlich Recht - dieser Schutz ist wohl noch einer der aktzeptablen Eingriffe polizeilicher Macht in die Privatsphäre, auch wenn ich es schon oft genug erlebt habe, dass Polizisten Leute mit auf die Wache genommen haben, die zwar alkoholisiert waren, aber friedlich am Bahnhof auf den Zug nach Hause gewartet haben.

Es ist halt immer eine Frage der Verhältnismäßigkeit und die sehe ich in den meisten Fällen, die ich persönlich mit(!)erlebe, nicht gegeben.

 

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