19. August 2008

Totschlag = Tötung im Affekt?

"Wie haben Sie ihn umgebracht? Im Affekt, nicht? Dann wird es auf Totschlag hinauslaufen."
So heißt es in einer der großartigsten juristischen Geschichten aus deutschsprachigen Landen (ja, ich wiederhole mich): "Die Panne" von Friedrich Dürrenmatt, allerdings in der Originalfassung, nicht in der Hörspielfassung.

Dürrenmatt ist für mich einer der ganz großen deutschsprachigen Schreiberlinge, aber vielleicht ist er durch diesen Satz wenigstens mitkausal geworden, dass dieser unglaublich verbreitete Irrtum unter den juristischen Laien unseres Landes nicht auszulöschen ist. Ebenso verbreitet ist vielleicht noch der Irrtum, dass lebenslang eingesperrte Verbrecher spätestens nach 15 Jahren wieder in die Freiheit entlassen werden.

Totschlag bedeutet die Tötung eines Menschen ohne die Erfüllung eines in § 211 StGB genannten Mordmerkmals. Unter juristischen Laien wird jedoch lapidar getrennt, dass ein Totschlag im Affekt geschieht, während ein Mord geplant ist. Dem ist aber nicht so: Nicht jeder Totschlag passiert im Affekt und nicht jede Affekttat ist auch Totschlag. Man kann auch spontan einen Menschen töten, der einen bei einer Straftat erwischt hat und damit schon das Mordmerkmal "um eine andere Straftat zu verdecken" erfüllen.
In Österreich ist es tatsächlich so, wie die deutsche Volksmeinung es sieht. In § 76 StGB-Österreich (Totschlag) heißt es:
"Wer sich in einer allgemein begreiflichen heftigen Gemütsbewegung dazu hinreißen läßt, einen anderen zu töten, ist mit Freiheitsstrafe von fünf bis zu zehn Jahren zu bestrafen."
Tötung in Verdeckungsabsicht wäre natürlich auch in Österreich nicht "allgemein begreiflich" i.S.d. Vorschrift.

Die dort erwähnte Höchststrafe geht mit unserem § 213 StGB konform, der einen Teil möglicher Affekttaten abdeckt. Dieser besagt, dass ein minder schwerer Fall des Totschlags vorliegt, wenn der Täter durch eine ihm oder einem Angehörigen zugefügte Misshandlung oder schwere Beleidigung zu der Tat provoziert wurde, ohne dass er selbst zur Verschärfung der Situation beigetragen hat.
So sah es schon das Strafgesetzbuch für das Deutsche Reich in § 213.
Und in jenem Strafgesetzbuch liegt auch der Hase im Pfeffer für den in diesem Artikel behandelten Rechtsirrtum. In § 211 des Strafgesetzbuches für das Deutsche Reich hieß es bis 1941 zu Mord nämlich
"Wer vorsätzlich einen Menschen tödtet, wird, wenn er die Tödtung mit Ueberlegung ausgeführt hat, wegen Mordes mit dem Tode bestraft."
und zu Totschlag in § 212
"Wer vorsätzlich einen Menschen tödtet, wird, wenn er die Tödtung nicht mit Ueberlegung ausgeführt hat, wegen Todtschlages mit Zuchthaus nicht unter fünf Jahren bestraft."
Damals wurde tatsächlich darauf abgestellt, ob die Tat mit Überlegung ausgeführt wurde oder eben nicht. Die spätere Änderung hat sich auch 67 Jahre später noch nicht herumgesprochen. Übrigens waren damals wie heute beide Taten vorsätzlich, auch wenn in Krimis manchmal der vermeintlich intelligente Satz fällt: "Er hat nicht vorsätzlich gehandelt. Es kann sich bei der Tat daher nur um Totschlag handeln."

Nach meinem Artikel lachen hoffentlich auch Nichtjuristen darüber, dass in diesem Yahoo-Frageforum die falscheste Antwort vom Fragesteller zur besten Antwort gewählt wurde. Allerdings sind die anderen Antworten dort für Juristen beinahe ebenso zum Schießen, im wahrsten Sinne des Wortes. Ein typisches "Web 2.0"-Phänomen, dass Menschen die Antwort zu einem Thema bieten, von dem sie nichts verstehen. Auf diese Weise könnten eigentlich gute Ideen wie Wikipedia (auch hier stolpert man öfters über Falsches) gefährdet werden.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

In Tu Felix Austria kommt der "Totschlag" so gut wie nie zur Anwendung - man spricht dort auch gerne vom toten Recht.

Zum Leben möchte ich den österr. Totschlag durch einen Präzidenzfall meinerseits auch nicht erwecken. Zu groß das Riskio, daß die acht Geschworenen es doch anders sehen ...

Anonym hat gesagt…

Dürrenmatt war doch Schweizer, da wird er sich wohl eher auf die schweizer Rechtslage gestützt haben. Dort steht in Art. 113 des Strafgesetzbuches:

Totschlag

Handelt der Täter in einer nach den Umständen entschuldbaren heftigen Gemütsbewegung oder unter grosser seelischer Belastung, so ist die Strafe Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren.

Desperado hat gesagt…

@anonym Nr.2: Oh, ein sehr guter Einwand, vielen Dank. Mea Culpa! Da spreche ich schon von "deutschsprachigen Landen" und checke die Schweiz nicht gegen... Als Aufhänger für den Artikel passte "Die Panne" dennoch, denn das Buch erfreut sich auch in Deutschland großer Beliebtheit. ;-) Vielen Dank für die Richtigstellung und den Link.

@anonym Nr.1: Interessant, dass der Totschlag in Österreich nicht praxisrelevant ist. Danke auch hier für den Hinweis.

Tom hat gesagt…

Wenn du in Wikipedia einen Fehler findest, sag Bescheid.

Desperado hat gesagt…

@Tom: An wen soll ich mich denn da wenden? An Herrn Wikipedia? ;-)
Im Ernst: Ich lese dort ja auch ab und an, wie Du schon an meinen Verlinkungen zu "Die Panne" oder Dürrenmatt siehst. Und ich füge sogar selbst ab und an was ein. Dennoch stolperte (nicht nur) ich schon das ein oder andere Mal über Fehler. Hat schon einen Grund, dass diese Quelle in wissenschaftlichen Arbeiten nicht verwendet werden darf.

Tom hat gesagt…

entweder selbst tätig werden:
http://de.wikipedia.org/wiki/Hilfe:Seite_bearbeiten
oder meckern:
http://de.wikipedia.org/wiki/Hilfe:Diskussionsseite
Viele Hundert fleißige Wikipedianer werden sich um dein Anliegen kümmern.

Desperado hat gesagt…

@Tom: Wie ich Dir schon mitteilte, schreibe ich selbst ab und an bei Wikipedia mit. Ich kenne also die Klimmzüge, die man machen muss, um jemandem aus einem völlig anderen Fachgebiet in der Diskussion zu erklären, warum dies oder das wichtig ist etc. Und in die Diskussionsseiten steigen übrigens keine 100 Leute ein, sondern nur sehr wenige, die wie gesagt selten vom Fach sind. Bin aber auch unter den Wikipedianern nicht der einzige, dem das auffiel. Viele bemängeln das in den dortigen "about me"-Seiten.

Anonym hat gesagt…

Ich denke, Dürrenmatt ist nicht Quell' dieses Missverständnisses. Im anglo-amerikanischen Rechtsraum wird die Unterscheidung "murder" und "manslaughter" auch nach dem Muster "geplant" und "im Affekt" getroffen. Ich denke, dass der Zusammenhang eher dort zu suchen ist. Was sagen denn die Rechtshistoriker?

Anonym hat gesagt…

@ desperado:
Ich finde Ihren Artikel sehr gut. Ich sehe das Problem der starren Rechtsirrtümer auch in meiner täglichen Berufspraxis. Vieles hat sich sicher auch durch die TV-Serien wie Salesch, Hold und Co. vollkommen falsch verbreitet. Habe ja auch schon Angeklagte erlebt, die mit einem entsetzten "Euer Ehren...!!!" ihr letztes Wort begannen ;-)

Liebe Grüße

Desperado hat gesagt…

@Nr. 9 (Anonym): Vielen Dank für die Blumen. Das liest sich wie Honig. :-)
Ja, "Euer Ehren" ist auch so ein Knaller. Da kann man wohl ziemlich sicher davon ausgehen, dass amerikanische Filme die Schuld hieran tragen. Hm, keine schlechte Idee: Man sollte die Synchronstudios vielleicht anweisen, "Your honour" mit "Frau/Herr Vorsitzende/r" zu übersetzen. ;-)
Liebe Grüße zurück.

Anonym hat gesagt…

Allerdings sollte man vieleicht noch hinzufügen, dass der §211 von der nationalsozialistsichen Lehre vom Tätertyp ausgeht.
Die Reformbedürftigkeit ist längst bekannt, passieren tut aber nichts.

Mia hat gesagt…

ob man jetzt euer ehren oder vorsitzender sagt ist doch vollkommen egal..
da finde ich es wesentlich lächerlicher wenn man solche freude daraus zieht / sich überlegen fühlt - weil man eine solche nebensächlichkeit weiss :)
als würde es etwas ändern wenn wir den ab morgen papa schlumpf nennen..
und den mard im affekt beschreiben nicht nur "sogenannte laien" so..
das ist auch alles andere als unrichtig..

genau so wird in der regel recht gesrochen..
es wird nur unterschieden ob - wie in dem beisiel oben ein verbrecher das bei einer tat tut... zb auf der flucht oder aber emand der kein verbrechen begangen hat soweit - beisielsweise eine frau die ihren mann im bett mit einer anderen erwischt und eine wwaffe daneben liegt..

desweiteren sollten die herren die sich nur zu gern von juristischen laien abgrenzen
- sich somit als fachmänner sehen wollen mal einen sinn dafür entwickeln das rechtssprechung und recht nicht zwingend das gleiche ist und mal ein gespühr dafür entwickeln selbst dinge zu beurteilen / zu durchdenken und nicht nur sachen auswendig gelernt nachzuplappern wie ein vogel ;)

so gibt es zb kleine eheschwindler betrüger oder leute die ein bisshen mit hanf gehandelt haben die in lebenslanger sicherheitsverwahrung sitzen. was meiner ansicht nach ein witz ist.. dinge die kaum überhaupt eine gefängnisstrafe rechtfertigenaber dennoch zum schärfsten mittel der usstiz führen. zu 2,3,5 fach so harter "strafe" wie das schlimmste verbrechen das es gibt - eiskalter mord..
im gegenzug dazu haben wir leute - beisielsweise unsere bekannte schausielerin welche in den 0ern ihren mann/freund erschossen hat und nach ich glaube 3 jahren wieder auf freiem fuss war.

hinzu kommt noch die tatsache das im deutschen recht ja ohnehin jeder machen kann was er will. indizien prozesse und im zweifel reicht es sogar vollkommen aus wenn der richter irgendwas GLAUBT- was natürlich der willkür tür und tor öffnet..

 

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