19. September 2008

Eine "Urban Legend" im Gerichtssaal

Ein Angeklagter in einem meiner letzten Sitzungsdienste hielt es für nötig, seine langweilige Freizeit durch die Provokation von Polizisten zu gestalten. Er war alleine, die Polizisten waren - wie zumeist - zu zweit. Gerufen wurden die Beamten vom Pächter einer Tankstelle, auf desen Grundstück der junge Herr sich nicht zu benehmen wusste. Der Angeklagte ließ sich dahin ein, die Beamten hätten ihn etwas zu grob angepackt und ihn beleidigt, als sie ihn des Platzes verweisen wollten. Das führte dazu, dass er Schläge in Richtung der Polizisten austeilte, weshalb er u.a. vor Gericht stand.

Wir fragten ihn also schließlich, weshalb er denn die Beamten anstelle von Schlägen nicht einfach anzeigte. Oder weshalb er denn keine Gegenanzeige erstattet hätte?
In einem Tonfall, der wohl sein Entsetzen darüber zum Ausdruck bringen sollte, dass ausgerechnet wir studierte Juristen eine gewisse unfaire Gesetzesregelung Deutschlands nicht kennen, warf er uns folgenden Satz an den Kopf:
"Und was hätte das bringen sollen? Mir hätte keiner geglaubt. Ich war alleine, die waren zu zweit. Gegen die Aussage eines Polizisten benötigt man drei Zeugen."
Aha? Das ist ja interessant. Die Aussage eines Polizisten ist nur durch drei übereinstimmende Aussagen von Zivilisten zu widerlegen? Hätte er also in diesem Fall noch fünf Freunde gebraucht, um wenigstens Gleichstand zu erzielen? Nein, das ist natürlich Unsinn. Aber sehr interessant, dass sich solche Vorstellungen in manchen Menschen manifestieren. Ich habe in diesem Blog einmal darüber berichtet, dass der Laie Schwierigkeiten hat, Mord und Totschlag vernünftig auseinanderzuhalten. Offensichtlich hat sich diese "Polizisten-als-Schwergewicht"-Meinung aber auch schon etwas verbreitet, denn als wir ihn fragten, woher er denn so etwas wissen will, gab er an, seine Freunde hätten ihm davon berichtet.

Kommentare:

shabazz hat gesagt…

Hallo,
ich konnte ebenso schon mehrfach beobachten, dass der "normale" Bürger die Meinung hat, dass man weniger glaubhaft ist als ein Polizist.
Und ich habe mich dann gefragt; wem würde ich glauben?
Einen Jugendlichen, welcher vielleicht sogar schon einmal aufgefallen ist, vielleicht hat er sogar äußerliche "Merkmale" wie ein Tatoo, bunte Haare oder gar keine, vielleicht erkennt man sogar Verwahrlosung durch Drogenkonsum.
Oder glaube ich einem/beiden Polizisten, die bisher immer vorschriftsgemäß gehandelt haben. Denn welchen Grund hätten die Polizisten sich rechtswidrig zu verhalten bzw. zu lügen?

Damit möchte ich sagen, dass man in einem solchen Konflikt fast keine Chance hat als Bürger, wenn andere Beweise nicht zur Verfügung stehen.

Oder haben Sie andere Erfahrungen gemacht? Zugegeben, wenn ich hier so lese, denke ich, dass Sie auf jeden Fall einen größeren Einblick haben; was die Arbeit am Strafgericht betrifft.

Grüsse

Desperado hat gesagt…

Ich freue mich, dass wir Sie offenbar als Stammleser gewinnen konnten! :)

Zu Ihren Ausführungen kann ich sagen, dass Sie natürlich Recht haben, dass man Zeugenaussagen unterschiedlich stark gewichtet. Man beachtet vor Gericht, wie glaubhaft die Aussagen sind und wie glaubwürdig die dazugehörigen Zeugen. Da kann ein Polizist natürlich sehr oft glaubwürdiger sein als ein Angeklagter oder ein Zeuge. Aber es gibt keine pauschale Regelung hierfür, sondern ist immer vom Einzelfall abzumachen.

In diesem Fall war es so (was bei Jugendverfehlungen nicht untypisch ist), dass der entsprechende Angeklagte zwar für seine Halunkentätigkeiten bekannt ist, aber auch dafür, eigentlich immer zu seinen Taten zu stehen, die Wahrheit zu sagen und alles sofort zuzugeben. Damit ist er also schon einmal nicht per se unglaubwürdig und wir hätten dem durchaus Beachtung schenken können.
Hier hat es dem Angeklagten jedoch nichts gebracht, weil die Beamten ihrerseits ein Recht dazu hatten, etwas härter vorzugehen, da er den Platz nach mehreren Aufforderungen nicht verließ und sich immer noch nicht benahm.

shabazz hat gesagt…

Sie haben es zumindest in meine Lesezeichen geschafft ;-).

Das Problem der Juristen ist dann "wie erklär ich es meiner Oma". Ich denke mal jedem Jurist ist bewusst, dass es auf eine Einzelfallbewertung hinaus läuft. Jedoch zeigt ja auch gerade die Aussage des Angeklagten, dass es nicht jedem bewusst ist und die Annahme, dass ein Polizist glaubwürdiger ist, geläufig zu sein scheint.

Grüsse

Desperado hat gesagt…

Wir freuen uns sehr über den Erfolg als Lesezeichen. ;)

Mit "wie erkläre ich es meiner Oma" haben Sie auch Recht. Unser StattAller-Team versucht diesen Gedanken auch immer zu beherzigen, wie auch mein verlinkter
Artikel über Mord und Totschlag zeigt. Deswegen hielt ich es für erwähnenswert, darauf hinzuweisen, dass Polizisten nicht zwangsweise glaubwürdiger sind. Ich muss jedoch einräumen, dass ich meine Antwort an Sie über die Glaubwürdigkeit so auch schon in meinem Artikel hätte schreiben sollen, was ich mir für die Zukunft merke. Umso mehr freue ich über ihre konstruktive "Kritik".
Grüße zurück.

Anonym hat gesagt…

Ich moechte noch kurz auf einen anderen Aspekt hinweisen: Anders als ein Polizist hat der normale Zivilist kaum Erfahrung mit Zeugenaussagen vor Gericht. Entsprechend redet er nicht fluessig, wirkt er wenig routiniert, oft verunsichert, damit weniger glaubhaft.

Polizisten hingegen wissen die rechtlich relevanten Aussagen oft von den unwichtigen Fakten zu trennen, da sie meist schon jahrelange Erfahrung als Zeugen vor Gericht haben.

Der Junge hat ja wohl deutlich mehr als nur ein Koernchen Wahrheit getroffen. Man denke auch an die zwar wenigen, aber doch vorhandenen und bekannt gewordenen Ausnahmefaelle, wo Richter Polizisten noch in der Urteilsbegruendung verdaechtigt haben, sich abgesprochen zu haben.

Man sollte gerichtliches Handeln auch nicht idealisieren. Dass der Junge vermutlich erstmal einen Kredit aufnehmen muesste, wenn er ernsthaft einen Prozess gegen zwei Polizeibeamte anstrengen wollte, sei mal dahingestellt.

Maus hat gesagt…

Glaubwürdigkeit hat doch nichts mit dem Berufsstand zu sein - die aussage sollte in sich schlüssig und ausführlich sein, außerdem kann man von der jeweiligen körpersprache doch einiges ablesen. richter sind nicht doof, die müssen täglich die glaubwürdigkeit von zeugen einschätzen.
und polizisten sind auch nur menschen, das wissen die meisten richter ganz gut...

Werner Siebers hat gesagt…

Richter sind in der Tat in der Regel nicht doof. Aber den Spruch: "Welchen Grund sollte denn der Polizeibeamte haben, zu lügen, Herr Rechtsanwalt?" mag man nun wirklich nicht mehr hören.

Weil er vergessen hat, zu belehren, weil er keine Wahllichtbildvorlage gemacht hat, weil ihm die Sicherung durchgebrannt ist und er zu stark zugelangt hat, weil er keine Fehler zugeben will. Es gibt sehr viele Gründe dafür, dass Polizeibeamte genau so oft lügen wie jeder "normale" Mensch.

Und angehende Juristen, die so schöne Worte wie "Halunkentätigkeiten" einführen, sollten in der Zukunft der Öffentlichkeit wenigstens ersparen, Staatsanwalt zu werden, denn solch Vokabular könnte den Ruf ins Wanken bringen, dass die Staatsanwaltschaft die objektivste Behörde der Welt sein soll.

Schon beinahe witzig die Formulierung, dass die Beamten hier angeblich das Recht gehabt hätten, "etwas härter vorzugehen, weil sich der Angeklagte nicht benahm".

Also stimmte im Kern sehr wohl, was der Angeklagte gesagt hat, er hat kräftig was abbekommen, weil den Beamten sein Verhalten nicht gepasst hat und sie nicht in der Lage waren, deeskalierend auf die Anwendung von Gewalt zu verzichten.

Klasse!

Desperado hat gesagt…

Der Tenor meines Posts und meiner Kommentare ist doch gerade, dass man die Glaubwürdigkeit von Polizisten nicht pauschal höher ansetzen kann?
Und, Herr Siebers: Die Polizisten haben nicht geschlagen, sondern ihn weggebracht, nachdem er mehrere Passanten auf dem Gelände bedroht hat. Das ist unstreitig, nur meinte der Angeklagte, zu doll angefasst worden zu sein. Als die Polizisten ihn mehrfach aufforderten, den Platz zu verlassen, mussten sie ja irgendwann mal Konsequenzen ziehen. Dafür, dass er ihnen drohte, er wüsste, wo deren Familien wohnen, "die er ficken und töten" würde, sind die schon sehr cool geblieben. Wenn Ihnen ein Trick einfällt, wie man einen störrischen Täter in deeskalierender Weise von einem Grundstück verweist, ohne dabei die Hände zu benutzen, würde ich vorschlagen, dass Sie derartige Seminare für Polizisten abhalten. ;)
Nebenbei gesagt haben wir 7 Taten verhandelt, die innerhalb von 6 Wochen seit seiner letzten Verhandlung begangen wurden. (Und da wurden schon welche wegbeschränkt.) Die schwerste Tat beging er auf dem Weg zur letzten Verhandlung. Wir reden hier jetzt gewiss nicht von einem notorisch unschuldigen...

Kand.in.Sky hat gesagt…

Tankstelle?
Gab es keine Auswertung der Videos?


#k.

Desperado hat gesagt…

Nee, gab es nicht. Keine Ahnung, wieso. Vielleicht, weil wir genug Zeugen hatten, die ja unmittelbar vor den Polizisten bedroht wurden? Und er hat keine Gegenanzeige erstattet.

 

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