19. September 2008

Zeugenmund, tu(t) Wahrheit kund

Zwei osmanisch-stämmige und einschlägig wegen Körperverletzung in Erscheinung getretene Angeklagte standen wegen des Vorwurfs vor Gericht, ein Mädchen zusammengeschlagen zu haben. Das Vorgehen war sehr brutal: Das Mädel wurde aus dem Haus gelockt, bekam einen Faustschlag direkt ins Gesicht, der sie zu Boden brachte, wo sie weiterhin getreten wurde. Um ihre Deckung zu verschlechtern, stellte der Haupttäter sich bei Tatausführung auf eines ihrer Handgelenke. Es waren mehrere Zeugen geladen, hier einmal völlig zu Recht, denn sie wurden nach Aktenlage auch gebraucht. Von einem Geständnis war nicht auszugehen.

Die ersten Aussagen der Angeklagten vor Gericht waren zwar völlig wirr durcheinander, aber als zusammengesetztes Puzzle ergaben sie, dass sie mit dem Mädel nur von Auge zu Auge reden wollten, was überraschenderweise nicht einmal besonders unglaubhaft rüberkam. Sie gaben sich besonders cool (einer trug vor Gericht ein Muskelshirt) und sahen sich demonstrativ als völlig unschuldig. Nach ein paar "fiesen" Fragen durch den Vorsitzenden und mich knickten sie dann aber völlig unerwartet doch ein ("Ach, was soll's, ich will nochmal was sagen...") und erzählten, wie es war. Das Mädel habe nämlich ein paar Stunden vor der Tat telefonisch eine (mutmaßlich) respektlose Bemerkung über den verstorbenen Vater eines der Angeklagten gemacht. Gut, das ist nicht nett, aber so überreagieren wie im Anklagevorwurf muss man natürlich nicht, erst recht nicht, wenn man sogar von einer Unterscheidung des Strafrechts zwischen Mann und Frau ausgeht: "Ja, ja, ich weiß, man wird härter bestraft, wenn man eine Frau [anstelle eines Mannes] schlägt, aber sie hatte es verdient." (Das wäre zwar gar nicht so verkehrt, wenn das Strafrecht das so sähe, aber das tut es nicht. Das war also mal wieder eine Urban Legend im Gerichtssaal. Im Plädoyer habe ich sie aber darauf hingewiesen, dass es in unserem Volk zumindest moralisch schwerer wiegt.)

Dann durften wir uns noch ein paar Knüller anhören, die zumindest mir diese völlig andere Kultur vor Augen führte, die noch in einigen Köpfen der zu uns gezogenen Menschen mit Migrationshintergrund zu stecken scheint: "Ihr Deutschen könnt das nicht verstehen, aber für uns ist das völlig normal. Sie hat meinen Vater beleidigt. Ich musste ihn rächen. Ach, Ihr versteht das sowieso nicht. In der Türkei wäre das nicht schlimm." In diesen Kanon stieg auch sein Kompagnon ein, der leicht versetzt genau das gleiche erzählte. Da pochten irgendwie wieder diese Ehrenmord-Schlagzeilen in meinem Schädel. Glücklicherweise kenne ich genug türkische Staatsbürger, die nicht so denken, aber diese Kerle standen ja in ihrer sittlichen und geistigen Entwicklung noch einem Jugendlichen gleich.

Der größte Spaß war dann aber, als der erste in ihrem Lager stehende Zeuge in den Sitzungssaal gerufen wurde. Während dieser sich setzte, riefen die Angeklagten ihm zu:
"Du kannst die Wahrheit sagen, wir haben alles gestanden."
Sehr kollegial, die Zeugen noch schnell vor einer Falschaussage zu retten.

Kommentare:

Hauke hat gesagt…

Vielleicht sollte man bei solchen »schwerwichtigen« Einwänden, das so etwas in der Türkei normal wäre, den Betreffenden ein großzügiges Angebot machen: Strafmilderung gegen freiwillige sofortige Ausreise aus Deutschland bzw. in die Türkei und Verbot der Wiedereinreise für mindestens paar Jahre. Bei vorzeitiger Rückkehr sollte die eigentliche Strafe wiederaufleben und einen Nachschlag sollte es auich geben. Wenn ihnen die Gesetze hier zu streng sind, sollte das doch eigentlich auch in ihrem Interesse sein... Es wird doch i.d.R. keiner gewungen hier in Dtld. zu bleiben.

Anonym hat gesagt…

Bisher war ich im Gegensatz zu einigen rechtspopulistischen Politikern der Auffassung in D sollte es kein spezielles Migrantenstrafrecht in Form einer Verbannung geben, aber es fällt mir immer schwerer an dieser Meinung festzuhalten.

Johnny Kuppler hat gesagt…

Desperado hat mir die Geschichte gestern abend schon erzählt. Richtig sauer war ich erst, als er das Strafmaß der beiden "Ehrenmänner" mitteilte.

Desperado hat gesagt…

Na gut, wenn J.Kuppler es hier so spannend macht, werde ich die Bestrafung der beiden auch einmal offenlegen.
Wir befanden uns vor dem Jugendrichter. Beide waren berufstätig. Um den Job nicht zu gefährden, beantragte ich jeweils einen Freizeitarrest (um ihnen zu zeigen, wie es in Zukunft für sie monatelang aussehen könnte, wenn sie sich nicht ändern) und sehr, sehr saftige Geldstrafen in Höhe eines 3/4-Monatsgehalts, was im Jugendstrafrecht schon knackig ist. Außerdem forderte ich ein Anti-Aggressions-Training für die Jungs.
Der Richter machte daraus: Einen Freizeitarrest für Person A (also ein Wochenende weggesperrt) und eine Woche Dauerarrest für Person B. Keine Geldstrafe, kein Anti-Aggressions-Training! Das hat mich schon auch etwas verwundert.

Johanna hat gesagt…

Und das ethnische Problem dahinter ist, dass Menschen aus diesem Kulturkreis, egal welch geringen tatsächlichen Intellekts, mit der Ehre eines vielfach promovierten Professors via Geburt ausgestattet werden, während wir westlichen Erdenbewohner uns diese Ehre erst mühsamst erarbeiten müssen, ein Fall für die Gleichbehandlung?

Malte S. hat gesagt…

@Johanna: Falsches Verständnis von Ehre. Die Ehre, wie wir sie für besondere Personen anerkennen, ist nicht die gleiche Ehre, die in anderen Kulturen kraft der eigenen Existenz besteht. Die Ehre in den muslimischen Kulturen liegt - verzeiht den Vergleich - bedeutend mehr an der Menschenwürde als an dem deutschen Verständnis der Ehre.
Inhaltlich gibt es Unterschiede. Viel gravierender sind aber die Folgen der Verletzung. Da die Ehre - wie formell auch die Menschenwürde in Dt. - das höchste Gut darstellt, ist (nahezu) jede Form der Sanktion bei einer Verletzung zulässig. Selbst bei Beachtung des Gewaltmonopols würde eine Ehrverletzung bedeutend stärker verfolgt werden, als dies in Dt. jemals der Fall ist.
Fakt ist aber: Die Ehre im muslimisch geprägten Verständnis existiert kraft der eigenen Existenz bzw. der Existenz der Familie. Die Menschenwürde existiert ebenso kraft der eigenen Existenz und muss nicht erarbeitet werden. Daher ist hier viel eher eine (begrenzte) Vergleichbarkeit gegeben.

Katharina hat gesagt…

@Malte

Falsch, der Ehrbegriff in muslimischen Ländern ist derart unrealistisch überzogen, dass er keinerlei Kritik an Person, Familie, deren Verhalten, Religion, Gesellschaftssystem etc. zulässt, wie sie jedoch essentiell für eine demokratische Gesellschaft und deren Diskurse sind, daher ist dieser Begriff keinesfalls der grundgesetzlichen Menschenwürde und ihren Freiheiten vergleichbar.

Kand.in.Sky hat gesagt…

Die verwechselten Ehre mit Angstbeissen.

Mehrere gegen einen, so handeln typischerweise nur die allerletzten der Versager.

Schlimm nur wenn die "Strafe" eher als Bestätigung angesehen wird.


#k.

 

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