7. Dezember 2008

Schon wieder ein erschreckendes Einstiegsgehalt

Ein Freund erzählte mir kürzlichst von einem Bewerbungsgespräch in einer kleineren Kanzlei im Raum Lübeck, welches dunkle Erinnerungen an Bensheim in mir weckte.

Nachdem es im Vorwege keine Anhaltspunkte für ein zu erwartendes Gehalt gab, kamen die zwei im Bewerbungsgespräch sitzenden Anwälte nach ca. 45 Minuten dann endlich auf die Frage, was mein Kumpel denn für Gehaltsvorstellungen habe. Er antworte, dass er als Jahresgehalt schon Minimum 36.000,- Euro bräuchte, also 3.000,- Euro brutto.
Darauf fingen die beiden Anwälte zu schwimmen an und reagierten zunächst mit einem "Oh!" und dann nach kurzer Pause mit dem Satz "Da haben wir uns aber was ganz anderes vorgestellt." und nach einer weiteren Pause: "Also, unsere ReNo's verdienen 1.000,- Euro netto."
Tja, ääääh, die suchen doch jetzt auch einen Anwalt und keine ReNo? Ist doch logisch, dass es da gewisse Gehaltsunterschiede geben sollte?
Mein Kumpel antwortete, dass er damit keinesfalls leben könnte. Da verdient seine Freundin ja viel mehr und die sei Zahnarzthelferin. Die Antwort der beiden Halsabschneider: "Ja, das ist ein Missverhältnis, in der Tat."
Das Gespräch war dann damit aber trotzdem beendet. Brauche wohl nicht zu erwähnen, dass es hier zu keinem Arbeitsvertrag kam? Puh, wer weiß, wie die reagiert hätten, wenn er denen gesagt hätte, dass er manchmal auch Urlaub nehmen möchte.

Er arbeitet nun in einer anderen Kanzlei, die regional recht anerkannt ist, wie ich von meinem ausbildenden Richter weiß. Dort wird ihm auch ein faires Gehalt gezahlt.

Kommentare:

Peter Sansibar hat gesagt…

Fairerweise muss man sich aber auch fragen, was der neue Anwalt für die "kleinere Kanzlei im Raum Lübeck" erwirtschaftet.

Desperado hat gesagt…

Klar, aber er erwirtschaftet ja auf jeden Fall mehr als eine ReNo. Also sollte er auch mehr verdienen als eine ReNo.
In seiner jetzigen Kanzlei, die auch keinen geografischen Vorteil hat, zahlen sie immerhin das gewünschte Gehalt.

BV hat gesagt…

Urlaub?! Wie unverschämt! ;-)

Alexander Hartmann hat gesagt…

Fahrtkosten zum Bewerbungsgespräch wurden ersetzt?

Desperado hat gesagt…

Du stellst ja Ansprüche, Alexander. ;-)
Nee, im Ernst: Fahrtkosten wurden nicht ersetzt, wie Du Dir sicher gedacht hast. Aber vielleicht haben sie die Fahrtkosten auch mit einem ihm während des Gesprächs gereichten Glas Leitungswasser aufgerechnet?!
Würde mich nicht wundern. Wasserkosten und Fahrtkosten sind immerhin so vergleichbar wie das Gehalt von ReNo und Volljurist/in.

Anonym hat gesagt…

Wie singen so schön die Ärzte: der Kollege eines Schwagers wollt mal Anwalt werden, dem hat eine kleinere Kanzlei zu wenig geboten, darüber reißen wir nun die Zoten.

Selbst wenn das Märchen stimmen würde, wem das angebotene Anfangsgehalt zu gering ist, muss einfach nur nein sagen.

Pascal hat gesagt…

@ Anonym: Genau. Und dann kann man darüber in einem Blog berichten...

Desperado hat gesagt…

@#6 (Anonymus):
Kennst Du den Witz "Warum leckt ein Hund seine Genitalien? Weil er es kann."? Genau so ist es mit den Gehältern. Solche Niedriglohnangebote bekommt man nur, wenn der Markt das hergibt. Und das tut er bei uns Juristen leider, falls man nicht unbedingt in eine Großbude gerufen wird.
Klar kann man solche Angebote ablehnen, aber nicht JEDER. Ich bin sicher, die haben jemanden gefunden.

Ich finde auch erschreckend, dass viele sog. "Anwalts-Boutiquen" im IP-Bereich (vielleicht auch in anderen Bereichen) Anwälte auf Basis von Scheinselbständigkeit einstellen. Warum machen sie das? Weil sie es können. Viele junge Nachwuchsjuristen haben Bock auf diesen Bereich.

Anonym hat gesagt…

Warum sollte ein Berufsanfänger in einer "kleineren" Kanzlei mehr zum Umsatz beitragen als die Reno dort?
Was für Gewinne erzielen denn Anwälte in kleineren Kanzleien? Es ist ein freier Beruf, vgl. auch Architekten etc. Da sollte man dann halt den öffentlichen Dienst suchen.

Malte S. hat gesagt…

hm, einen Anwalt benötigt man zwangsweise, um Gebühren nach dem RVG entstehen zu lassen und Rechtsberatung sowie -vertretung auszuüben. Eine ReNo ist zwar ungeheim wichtig, aber nicht zwangsweise erforderlich. Zumal sie Backgroundarbeit erledigt, die sich ohne die anwaltliche Vorarbeit wohl nur in Ausnahmefällen in wirtschaftlichen Erfolg umwandelt.
Diese Einstufung hat übrigens auch der Anwaltsgerichtshof NRW (2 ZU 7/07) vertreten, als er ein Gehalt von 1000€ für einen Anwalt als sittenwidrig einstufte.

Peter Sansibar hat gesagt…

Bei allem Respekt, aber es sollte ja wohl selbstverständlich sein, dass ein RA mehr verdient als eine (zuarbeitende*) ReNo.

* im besten Sinne des Wortes

Anonym hat gesagt…

Sehr gute Renos mit jahrelanger Berufserfahrung tragen deutlich mehr zum Umsatz und Gewinn einer kleinen Kanzlei bei als irgendwelche Berufsanfänger, die so arrogant sind, sich auch noch vorzustellen, Fahrtkosten für ein Bewerbungsgespräch ersetzt zu bekommen.

Und wenn ein fertiger Jurist weder im Staatsdienst noch bei einer Rechtsfabrik eine Anstellung bekommt und sich in einer kleinen Kanzlei nicht hocharbeiten will, mag er zu einer Versicherung gehen oder wo auch immer hin, aber den Kleinkanzleien, die teilweise um das Überleben zu kämpfen haben, nicht vorschreiben, welche Einstiegsgehälter betriebswirtschaftlich noch zu verantworten sind.

Lübeck ist übrigens nicht Berlin!

Desperado hat gesagt…

@Nr.12 (Anonym):
Wenn die Kleinkanzlei um das Überleben kämpft, warum stellt sie dann noch einen Anwalt ein?
Im Übrigen wird leider vergessen, dass auch der eingestellte Anwalt ums Überleben kämpft, der noch Frau und Kind zu ernähren hat.

Anonym hat gesagt…

Wenn er um das Überleben mit seiner Familie kämpft und ihm das angebotene Gehalt zu niedrig ist, muss er sich an anderer Stelle bewerben. Es ist doch einfach nicht zu begreifen, dass Bewerber, die Berufsanfänger sind, meinen, den potentiellen Arbeitgebern vorschreiben zu können, welches Mindestgehalt die zu zahlen haben.

Wenn es ihm zu wenig ist, muss er gehen, wenn er Glück hat, findet er eine andere Anstellung mit einer höheren Vergütung und alles ist gut.

Vielleicht hat er bei seinem Vorstellungsgespräch auch eine so erbärmliche Figur gemacht, dass die Gesprächspartner nur einen eleganten Weg über das Gehalt gesucht und gefunden haben, um ihn so schnell wie möglich loszuwerden.

Peter Sansibar hat gesagt…

Kommentar löschen aus: Statt aller

Blogger Peter Sansibar hat gesagt...

Mein lieber Anonymus, warum so patzig?
Da muss der Stachel der Frustration aber tief sitzen.

Im Übrigen gibt es einfach bestimmte Mindesstandards, die ein Anwalt bei der Beschäftigung eines Mitarbeiters zu beachten hat, § 138 BGB; § 26 BORA (s. dazu die von Malte zitierte Entscheidung, abgedruckt in NJW 2008, 668 mit folgendem Leitsatz: "Ein Grundgehalt von 1.000 € brutto als Einstiegsgehalt für einen anwaltlichen Berufsanfänger ist unangemessen i.S.v. § 26 Abs. 1 BORA und sittenwidrig i.S.v. § 138 Abs. 1 BGB.")

shabazz hat gesagt…

Warum soll es arogant sein auf sein Recht zu pochen? Kann mir das der Anonyme erklären?

Desperado hat gesagt…

Mann, Anonymus, es geht doch einfach nur um Fairness? Es versteht sich doch von selbst, dass ein gezahlter Lohn von 1000 Euro nicht fair für einen Volljuristen ist? Das Problem ist nur, dass der Markt das hergibt. Es ist sicherlich vor allem ein Problem, dass Arbeitnehmer und Arbeitgeber es jeweils ausnutzen, wenn sie auf der stärkeren Seite sind. Da es für Anwälte heutzutage nicht unbedingt selbstverständlich ist, einen Job zu finden, nutzen das die Arbeitgeber aus, um das Gehalt zu drücken.
In dem kleinen Bauunternehmen meines Vaters erhalten selbst ungelernte Hilfskräfte fast 3x so viel (ohne Überstunden im Gegensatz zu Anwälten), obwohl genug potentielle Arbeitnehmer vorhanden wären, deren Anzahl das Gehalt ebenfalls niedrig drücken könnte. Aber es wäre halt einfach nicht fair!
In den 80ern waren mal die Arbeitnehmer auf der stärkeren Seite und haben es ebenfalls ausgenutzt. (Krank machen, wie es ihnen passte etc.) Zur Zeit sind es halt die Arbeitgeber.

Man kann doch keine der beiden Seiten gutheißen, auch wenn man sich hier als anonymer Großkapitalist gibt?

Anonym hat gesagt…

Die Hilfsarbeiter bekommen mehr, weil diese mehr zum Umsatz beitragen. Denen wird nicht mehr gezahlt, weil die Baubranche fairer ist. Und siehe auch auch Tarifrecht. Ein Anwalt als Berufsanfänger kostet in den ersten sechs Monaten sicherlich mehr als er erwirtschaftet. In den ersten 1,5 Jahren wird er wohl kaum in einer kleineren Kanzlei mehr als 2000,00 € Gewinn pro Monat erwirtschaften.

Desperado hat gesagt…

Ist das hier "Verstehen Sie Spaß" oder ist das ernst gemeint? Dass die Hilfsarbeiter mehr zum Umsatz beitragen, ist ja wohl der größte Obersuperdupermumpitz? Wenn der Chef nicht mitarbeitet, dann geht deren Arbeitstempo und Verständnis vom Handwerk gegen Null. Abgesehen davon könnte man ihnen selbst dann weniger zahlen, wenn sie mehr zum Umsatz beitragen als junge Nachwuchsanwälte. Denn es stehen genug in der Schlange hinter ihnen, die einspringen würden. Und das ist sicher auch der Grund für die erwähnten 1000 Euro als Gehalt in einer Kanzlei.
Natürlich ist die Baubranche nicht fairer. Sonst müsste nicht in jeder öffentlichen Ausschreibung gegen Unternehmen gerechnet - geradezu gekämpft - werden, die polnische Hilfsarbeiter mit 3 Euro abspeisen, ohne dass der Staat mal kontrolliert, warum gewisse Unternehmen so günstig mitrechnen können. (Dabei würde oft nicht nur ein Verstoß gegen das Tarifrecht festgestellt werden können, sondern auch Schwarzarbeit.)

Ich wollte den Hilfsarbeitervergleich in meinem vorigen Kommentar vor allem anführen, um zu zeigen, dass es auch anders geht. Das zeigt auch die Tatsache, dass andere kleine Kanzleien mehr zahlen als 1000 Euro.

Zum Abschluss noch ein lauter Gedanke: "Ich würde zu gerne wissen, welchem Berufsstand der Anonymus angehört."

Malte S. hat gesagt…

In den ersten 1,5 Jahren wird er wohl kaum in einer kleineren Kanzlei mehr als 2000,00 € Gewinn pro Monat erwirtschaften.
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AHA? Als Einstiegsanwalt, der ohne eigene Mandate ankommt, hängt der zu Beginn produzierte Umsatz wohl maßgeblich davon ab, ob die Kanzlei (egal ob groß oder glein) genug Mandate hat und ihm welche gibt, die mehr als eine 10€-Beratung haben wollen. Tut sie das nicht, kann er gar nicht mehr erwirtschaften.
Tut sie es und er kann auch ordentlich arbeiten, wird sein Umsatz sicherlich höher liegen, als Sie vermuten.
Können Sie nebenbei auch erklären in welcher Form eine Reno mehr zum Umsatz beiträgt? Wo erwirtschaftet sie denn Geld? Ach, würde sie das denn auch, wenn kein Anwalt da wäre?

Nebenbei bemerkt: Warum eigentlich anonym? Den Job verloren, weil ein Junganwalt mitgespielt hat?

 

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