30. Juni 2009

Bewerbung - wie es nicht geht

Ich darf Gespräche mit Praktikums-Bewerbern allein führen und entscheide bei Referendaren und anderen potentiellen Associates mit. Das ist wie der staatsanwaltschaftliche Sitzungsdienst: Anfangs total sexy und cool, nach dem dritten Mal oft nervig. Deshalb muss die Bewerbung den Entscheider ansprechen. Bewerbungsbücher gibt es zu Hauf - was aber hilft bei der Bewerbung in der Großbude?

  1. Die einzigen Titel, die interessieren und in den Briefkopf gehören, sind Dr. vorn und L.M.A.A. hinten, vielleicht noch ein Dipl-Kfm und natürlich der StB. Wer Diplom-Verwaltungswirt, LL.B. (Bucce) oder gar Dipl.-Jur. ist und das so im Briefkopf führt, hat von Anfang an die Lacher auf seiner Seite.
  2. Das Anschreiben und insbesondere der Lebenslauf sind höchstens eine Seite lang, mindestens Schriftgröße 11, Zeilenabstand >1. AGB in Schriftgröße 8 Mittelgrau auf Hellgrau muss ich oft genug lesen. So was landet in der Tonne. Auch Managing Partner und VorsRiBGH begnügen sich mit einer Seite - das sollte auch einem Praktikanten möglich sein. Niemanden interessieren die verschiedenen Grundschulen (mit Klanggarten) die der Kandidat besucht hat.
  3. Keine Illusionen - was interessiert und was im Lebenslauf auffindbar sein sollte, sind Noten. Beim Praktikanten das Abi und die Zwischenprüfung, beim Referendar das Abi und das 1. Examen, beim Associate das 1. und das 2. Examen. "Stationsnoten im Durchschnitt vollbefriedigend" kommt in der Regel zustande, weil Rechtsanwalt Dosenkohl (Termine nach Vereinbarung) und die Stadtverwaltung Hildesheim 17-18 Punkte gegeben haben. Diesen verräterischen Satz sollte man daher weglassen.
  4. Das Foto ist immens wichtig. Kann man gut oder schlecht finden ("oh Mann, sind doch nur Äußerlichkeiten"), ist aber so. Die Damen sind meist stilsicher im Hosenanzug mit Bluse abgelichtet. Herren greifen öfter in den Eimer. Es gilt: Grauer Anzug, weißes Hemd, dezente Krawatte (gemustert oder gestreift). Jedes dunkle Hemd sieht nach Mafia aus, jede knallrote Krawatte nach Zuhälter. Motivkrawatten tragen Clowns. Ohne Krawatte ist man Gewerkschaftssekretär oder Frank Plasberg und den schwarzen Anzug trägt man nur, wenn man hinter Ommas Sarg herlatscht.

Das StattAller-Team freut sich auf Rückmeldungen, ob es mit diesen Tipps geklappt hat.

Sky - gestorben

Unmittelbar auf dem Weg aus der Kanzlei nach Hause liegt ein supi-dupi-Sky-Markt. Sauber, gut ausgestattet und vor allem: Geöffnet bis 22.00 Uhr, sommers wie winters und Montag bis Sonnabend. Auch wenn normalerweise mein elterngeldbeziehendes Eheweib den Einkauf erledigt, muss ich ab und an ran, vor allem abends und natürlich am Sonnabend.

Wer saß da neulich an der Kasse? Maren S.*, ehemalige Referendariatskollegin. Am 2. Examen hatte sie so viel gefallen gefunden, dass sie es gleich zwei mal gemacht und in der Trostrunde auch irgendwie bestanden hat. Nun scannt sie ein Jahr später Dosen und braucht "Storno Kasse 2". Sie ist keine alleinerziehende Mutter, die auf eine Halbtagsbeschäftigung angewiesen ist, sondern muss das wohl machen. Von meinem fröhlich-doofen, spontan geäußerten
Na, was machst Du denn hier?

fühlte sie sich wohl eher verkackeiert - was ich verstehe. Ich weiß nicht, wem das ganze peinlicher war. Der Sky ist damit leider gestorben, der siffige Lidl im Umsteigebahnhof wartet auf mich und das Jura-Studium entpuppte sich mal wieder als Wette auf die Zukunft.


*Vollständigen Namen hat die Redaktion verdrängt.

Lesen Sie demnächst: Warum eine Bekannte einen anderen Sky meidet, nachdem ihr dort im Kassenbereich die Fruchtblase platzte.

27. Juni 2009

Geschlechter-Unterschiede

Wir sind in meiner frisch gestarteten Anwaltsstation zur Zeit vier Referendare, zwei Frauen, zwei Männer. Alle sitzen wir in einem Raum, in welchem vier große Schreibtische so aneinander gestellt sind, dass sich immer zwei gegenüber sitzen. Von den vier Computern sind drei mit schön großen 16:9-Flatscreens ausgestattet, der vierte Rechner hat (immerhin) einen 19-Zoll-Flachbildschirm, aber nur in 4:3. An diesem Rechner sitzt eine Referendarin.

Also sagte ich zu ihr, als mir die Bildschirmunterschiede auffielen: "Mensch, Du hast ja gar keinen 16:9-Monitor?"
Darauf lächelt sie nichtssagend und antwortet mit "Ja.", worauf ich noch einmal nachbohre und zu ihr sage: "Du hättest doch den Arbeitsplatz wechseln können, kurz bevor mein Kollege und ich hier starteten? Da waren unsere Rechner doch noch frei?"
Ihre Antwort: "Och, naja."
Ich denk, das darf doch nicht wahr sein und frage nochmal: "Wolltest Du denn gar keinen fetten 16:9-Bildschirm?"
Da schaltet sich die andere Referendarin ein und klärt mich kurz und knapp über unsere geschlechterspezifischen Unterschiede auf: "Du, Frauen freuen sich mehr über rosa Schuhe."

26. Juni 2009

Berufung gegen ein falsches Urteil

Eine Referendarkollegin in meiner diese Woche gestarteten Anwaltsstation schreibt auf ihre Entwürfe ganz dick "Entwurf". Das hat einen Grund, denn sie ist ein gebranntes Kind, wie sie mir erzählte.

Und zwar spielte sich folgendes ab:
In ihrer Zivilstation bekam sie - wie üblich - die Aufgabe, ein Urteil zu entwerfen. Normalerweise werden diese Urteile dann korrigiert und wenn man einen motivierenden Ausbilder hat, dann verwendet er die korrigierte Fassung auch tatsächlich. In ihrem Fall war es so, dass der Ausbilder in den Urlaub fuhr und der (nicht gekennzeichnete) Urteilsentwurf in der Geschäftsstelle landete. Von dort wurde er dann unverändert als Urteil an die Parteien verschickt.

Der Clou: Die Referendarin entschied völlig anders als der Ausbilder es hatte tun wollen. Sie ließ die Klage voll durchgehen, er wollte die Klage abweisen. So legte die entsprechende Partei gegen das Urteil der Referendarin Berufung ein.

Der Ausbilder kam aus dem Urlaub zurück und machte alles rückgängig. Er fand die gesamte Anekdote aber so gut, dass er sie ins Zeugnis aufnahm, da es seiner Meinung nach für die Referendarin spricht, dass die in der Geschäftsstelle nicht merkten, wer das Urteil tatsächlich schrieb.

Ich weiß natürlich nicht, wie die Parteien diese Geschichte aufnahmen. Muss für die Klägerseite ja ziemlich frustrierend gewesen sein. Erst schenkt einem jemand einen Lutscher und dann wird er einem wieder weggenommen.

1. Juni 2009

"Der Dr. iur. ist billig."

Auf der Party eines befreundeten Juristen unterhielt sich gestern jemand mit mir, der eine interessante These aufstellte, als er - nachdem er die ganze Zeit auf das Jurastudium schimpfte - plötzlich anmerkte, der juristische Doktortitel sei total billig: "Gerade, wenn man den Jura-Doktor mit anderen Fakultäten vergleicht, dann ist der doch total einfach. Das kriegt doch jeder hin, sich zwei Jahre hinzusetzen und 'ne Arbeit abzuliefern, für die es dann den Dr. iur. gibt."

Nun ja, wen kümmert's, was so ein Vogel über die juristische Ausbildung denkt, oder? Aber erschreckend an der ganzen Sache war, dass dieser Mensch politisch tätig ist ("Politik ist eine Sucht.") und damit auch erklärt, warum er sein eigenes Jura-Studium noch nicht beendet hat. Es fehle ihm einfach die Zeit. Ansonsten sei das kein Problem, er wäre ja immerhin schon seit vier Jahren scheinfrei, müsse sich also nur noch anmelden, aber die Politik koste schon recht viel Zeit. Hm, will man als Teil des Volkes von jemandem vertreten werden, der sich eine Meinung über den Dr. iur. anmaßt, obwohl er selbst es noch nicht einmal zum Examen geschafft hat? Ich nicht, ehrlich gesagt. Ob er wohl weiß, dass zur Meldung zum Examen mittlerweile eine erfolgreich abgeschlossene Zwischenprüfung erforderlich ist?

Der Oberknüller für mich war dann aber, als er schimpfte, er würde nächstes Wochenende auf keinen Fall wählen gehen. (Ein Politiker, der nicht wählen geht?) Das Europaparlament sei nur eine Farce und tauge nichts. Die Gesetzgebung der EU sei ohnehin total für'n Arsch. Und die Gesetzgebung unserer Zeit sei insgesamt ganz schrecklich, nur das Strafrecht tauge was. Und er sei ja dafür, dass jedes(!) Gesetz durch Volksentscheid entschieden würde. Ok, Lieschen Müller winkt dann also Änderungen im Bankrecht durch?

Ach ja, und im Übrigen sei es auch so, dass das Völkerrecht von Diktatoren gemacht werde und daher unfair sei. Das würde an den Unis nur verschwiegen. Ich bin kein Völkerrechtler, aber für mich hatte dieser Satz das Niveau der Behauptung, unsere Geschichtsbücher seien falsch, weil der 2. Weltkrieg durch Polen entfacht wurde.

Von einem anderen Partygast erfuhr ich später, dass meinem vorherigen Gesprächspartner allerhand Kompetenzen entzogen wurden. Und zwar ganz simpel durch Wahlen! Nun sei er frustriert, dass das Volk ihm seine Lebensaufgabe genommen habe. Nach dem Gespräch denke ich aber eigentlich nicht, dass das Volk einen Fehler gemacht hat. Vielleicht sollte er sich nun also einmal um das Examen kümmern und gegebenenfalls einen Dr. iur. nachschieben? Auf Grund des tiefen Schwierigkeitsgrades müsste dieser doch neben der Politik auf jeden Fall zu bewerkstelligen sein, oder?
 

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