1. Juni 2009

"Der Dr. iur. ist billig."

Auf der Party eines befreundeten Juristen unterhielt sich gestern jemand mit mir, der eine interessante These aufstellte, als er - nachdem er die ganze Zeit auf das Jurastudium schimpfte - plötzlich anmerkte, der juristische Doktortitel sei total billig: "Gerade, wenn man den Jura-Doktor mit anderen Fakultäten vergleicht, dann ist der doch total einfach. Das kriegt doch jeder hin, sich zwei Jahre hinzusetzen und 'ne Arbeit abzuliefern, für die es dann den Dr. iur. gibt."

Nun ja, wen kümmert's, was so ein Vogel über die juristische Ausbildung denkt, oder? Aber erschreckend an der ganzen Sache war, dass dieser Mensch politisch tätig ist ("Politik ist eine Sucht.") und damit auch erklärt, warum er sein eigenes Jura-Studium noch nicht beendet hat. Es fehle ihm einfach die Zeit. Ansonsten sei das kein Problem, er wäre ja immerhin schon seit vier Jahren scheinfrei, müsse sich also nur noch anmelden, aber die Politik koste schon recht viel Zeit. Hm, will man als Teil des Volkes von jemandem vertreten werden, der sich eine Meinung über den Dr. iur. anmaßt, obwohl er selbst es noch nicht einmal zum Examen geschafft hat? Ich nicht, ehrlich gesagt. Ob er wohl weiß, dass zur Meldung zum Examen mittlerweile eine erfolgreich abgeschlossene Zwischenprüfung erforderlich ist?

Der Oberknüller für mich war dann aber, als er schimpfte, er würde nächstes Wochenende auf keinen Fall wählen gehen. (Ein Politiker, der nicht wählen geht?) Das Europaparlament sei nur eine Farce und tauge nichts. Die Gesetzgebung der EU sei ohnehin total für'n Arsch. Und die Gesetzgebung unserer Zeit sei insgesamt ganz schrecklich, nur das Strafrecht tauge was. Und er sei ja dafür, dass jedes(!) Gesetz durch Volksentscheid entschieden würde. Ok, Lieschen Müller winkt dann also Änderungen im Bankrecht durch?

Ach ja, und im Übrigen sei es auch so, dass das Völkerrecht von Diktatoren gemacht werde und daher unfair sei. Das würde an den Unis nur verschwiegen. Ich bin kein Völkerrechtler, aber für mich hatte dieser Satz das Niveau der Behauptung, unsere Geschichtsbücher seien falsch, weil der 2. Weltkrieg durch Polen entfacht wurde.

Von einem anderen Partygast erfuhr ich später, dass meinem vorherigen Gesprächspartner allerhand Kompetenzen entzogen wurden. Und zwar ganz simpel durch Wahlen! Nun sei er frustriert, dass das Volk ihm seine Lebensaufgabe genommen habe. Nach dem Gespräch denke ich aber eigentlich nicht, dass das Volk einen Fehler gemacht hat. Vielleicht sollte er sich nun also einmal um das Examen kümmern und gegebenenfalls einen Dr. iur. nachschieben? Auf Grund des tiefen Schwierigkeitsgrades müsste dieser doch neben der Politik auf jeden Fall zu bewerkstelligen sein, oder?

Kommentare:

studiosus juris hat gesagt…

"Ob er wohl weiß, dass zur Meldung zum Examen mittlerweile eine erfolgreich abgeschlossene Zwischenprüfung erforderlich ist?"

Hä? Davor steht noch, er sei scheinfrei. Ich erkenne keine Möglichkeit (an meiner Fakultät), scheinfrei zu sein und dennoch keine Zwischenprüfung vorweisen zu können.

Jens Ferner hat gesagt…

"Ich erkenne keine Möglichkeit (an meiner Fakultät), scheinfrei zu sein und dennoch keine Zwischenprüfung vorweisen zu können."

Die gibt es ganz einfach, indem man zu einem Zeitpunkt seine Scheine gemacht hat, zu dem die Zwischenprüfung noch nicht existierte und auch keine Voraussetzung war, um etwa an den großen Scheinen teil zu nehmen.

Ein Beispiel für diese seltene Spezies war ich selber, es ist also kein theoretischer Fall.

Fraglich ist aber, wie man heute "scheinfrei" versteht: Sollte man zB die Schwerpunktprüfungen dazu zählen, wäre jemand dieser Konstellation durchaus nicht "scheinfrei". Alelrdings erhält man jedenfalls bei uns ein "Zeugnis" und keinen einfachen Schein.

Jedenfalls ich habe den Eindruck (Eindruck=subjektive Einschätzung!), dass die meisten unter "scheinfrei" weiterhin das Bestehen aller Übungen verstehen. Sicherlich nicht mehr zeitgemäß.

Desperado hat gesagt…

Danke, Jens, für die Antwort. Ich teile Deine subjektive Einschätzung. Vor allem denke ich, dass mein Gesprächspartner, der die Uni seit vier Jahren nicht mehr von innen gesehen hat, von den Zwischenprüfungen gar nichts mitbekommen hat. Die Übergangsvorschriften sind ja vermutlich mittlerweile passé? Daher vermutete ich, dass er wohl mittlerweile nicht mehr als scheinfrei im eigentlichen Sinne gelten wird.

Anonym hat gesagt…

Also jenach Uni muß man noch mal eine Prüfung überr alle drei rechtsgebiete wie im Examen über sich ergehen lassen, oder einen Vortrag über ein fremdes Thema halten und anschließend seine Diss verteidigen. Klingt nicht einfach, wenn ich mir die Politilogen im Studium so ansehe, die Sonntag Nachmittag mit ihrer Hausarbeit anfangen, die sie Montag abgeben müssen, ist dass sicherlich kein Vergelcih mit einer juristischen Hausarbeit. Da fragt man sich naürlich, ob es nicht einfacher ist seine Diss in Politolgie zu machen, aber da muss man bestimmt schon Samstag anfangen zu schreiben. Eine echte Herausforderung!
Allerdings wenn ich mir manche Diss von vor 20 Jahren ansehe, die 60 Seiten und zum Doktor Jur führen, kommen mir schon manchmal Zweifel, ob es früher nicht einfacher war.

studiosus juris hat gesagt…

Bei "meiner" Fakultät kann der den großen Schein machen, der zuvor den kleinen Schein des entsprechenden Rechtsgebietes erlangt hat. Wer alle drei kleinen Scheine hat, hat automatisch die ZP.
Deshalb wäre die Kombination "scheinfrei aber keine ZP" hier nicht möglich - denn wer scheinfrei ist, hat zwangsläufig die kleinen Scheine und somit die ZP.

Desperado hat gesagt…

@anonymus: Ich bin Deiner Meinung, was hoffentlich aus meinem Post ersichtlich war. Ich kenne über zwei Ecken auch einen Fall, wo einer den Dr.iur. schon mangels der Anforderungen nicht hinbekam und dann nach ausreichendem Staatsexamen zu den Politologen wechselte und dort promovierte. Übrigens auch jemand aus der Politik...

Malte S. hat gesagt…

@StudJur: Das war aber wohl nicht immer so. Und deshalb gibt es immer (befristete) Übergangslösungen; hier konntem die im alten Studium erworbenen, kleinen Scheine als ZP angerechnet werden. Meiner Erinnerung nach aber nicht unbegrenzt. Hat derjenige nun die nach altem (und neuem) Recht nicht erforderlichen kleinen Scheine einfach ausgelassen und gleich die großen gemacht, dann hat er nichts zum Anrechnen.

@Topic: Irgendwie erinnert mich der Titel an die Rezension von Putzke in der ZIS ;)

@Jens: Da die Schwerpunktprüfung teil der Abschlussprüfung ist, würde ich sie nicht als Schein im Sinne von scheinfrei bezeichnen.

Consigliere hat gesagt…

@ stattaller-Team:
wie ist es bei uns jetzt eigentlich? Ich habe gehört, nunmehr "nur" noch Disputation und nicht mehr volles Rigorosum? Hat es sich also gelohnt, dass ich meine Arbeit etwas verschleppt habe? :)

Peter Sansibar hat gesagt…

@ consigliere
§ 19 PromotionsO (neue Fassung)lautet:
"(1) Das Rigorosum besteht aus einer Disputation über die angenommene Dissertation unter Berück-sichtigung der europarechtlichen Dimensionen, der Grundlagen des Rechts und der Methoden seiner Anwendung."
[Obwohl § 19 nur aus einem Absatz besteht, beginnt er mit "(1)"]

Zum Vergleich § 18 PromotionsO aF:
"(1) Das Rigorosum besteht aus einer Disputation
über die angenommene Dissertation und einer
mündlichen Prüfung in zwei Fächern.
(2) Ein Fach ist dem Rechtsgebiet zu entnehmen,
dem die Dissertation überwiegend zuzurechnen ist
(Zivilrecht, Strafrecht oder Öffentliches Recht). Im
Zweifelsfall entscheidet das Dekanat.
(3) Das zweite Fach ist von der Doktorandin oder
dem Doktoranden aus folgenden Gebieten auszuwählen:
Rechtsphilosophie, Rechtstheorie, Methodenlehre,
Rechtssoziologie, Rechtsinformatik, Römisches
Recht, Deutsche Rechtsgeschichte, Europäische
Rechtsgeschichte, Allgemeine Staatslehre, Verfassungsgeschichte
der Neuzeit, Rechtsvergleichung,
Verwaltungswissenschaft, Kriminologie."

Gruß!
PS

Consigliere hat gesagt…

Vielen Dank für die "Recherche". Dann scheint mir die Verzögerung ja auch was Gutes zu haben :)

fernetpunker hat gesagt…

@stud. jur., das hat sich eben geändert (kommt öfter vor im Recht), früher gab es gar keine ZP, nur kleine und große Scheine und mittlerweile gibt es teilweise nur noch die ZP und die großen. Aber wem sage ich das...

studiosus juris hat gesagt…

@fernetpunker:
Eben, Nikolaus! Perlen vor die Säue geworfen. Hören Sie doch einfach auf, mich zu belehren (haha). Ist für alle besser ;)

@stattaller-team:
Warum gibt's denn in letzter Zeit so wenig neuen Content?

studiosus juris hat gesagt…

@Malte S.:

Alles klar. Liegt wohl daran, dass mein Studiumsbeginn nach Einführung der ZP erfolgte.
Hab gerde nochmal nachgeschaut: Die aktuellen Regeln gelten hier schon ab 2003. Muss wohl also wirklich ein Langzeitstudi sein ;)

Desperado hat gesagt…

@stud. iur.: Erfreulich, dass Du mehr Content von uns möchtest, vielen Dank. Freuen uns über Stammleser. Ich gelobe, dass wieder bessere Zeiten kommen.
In meinem Fall muss ich mich gerade an die Arbeit in der Anwaltsstation gewöhnen, die ich in HH, nicht in Kiel, absolviere und von dort aus kann ich nix posten. Bei wenig Zeit landet dann eher mal was kurzes (von PS oder mir) in unserem Twitter. Aber an einem Freitag (Klausurentag) oder am Wochenende wird zumindest von mir mal wieder was im Blog kommen.

Außerdem: Peter Sansibar und ich sind gerade dabei, einen Top-Autoren an Land zu ziehen. Er ist schon im Beruf, hat uns bereits mündlich zugesagt, muss also demnächst nur bei uns starten. Von dem können die StattAller-Fans Großes erwarten, versprochen! :)

 

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