3. Juli 2009

Bewerbungsgespräch - Do's and Dont's

Die Krise dient nur als Vorwand, um Leute rauszuwerfen, die man schon lange loswerden wollte. Einstellungen gibt es weiterhin.
Wie bereits angedeutet, führen wir auch mit potentiellen Praktikanten und Referendaren ein Gespräch. Nach meiner Erfahrung werden in allen Großkanzleien mit Associate-Bewerbern wenigstens zwei Gespräche geführt, in manchen Sozietäten muss der Bewerber von zwei verschiedenen Standorten begutachtet werden.
  • Kleiderwahl
Die Kleiderwahl für das Gespräch unterscheidet sich nicht von der beim Foto, zusätzlich kommt hier aber Schweiß ins Spiel: Egal wie heiß es ist, das Sakko bleibt an, es sei denn, der Gesprächspartner fordert explizit zum Ablegen auf. Ein neutrales Deo tut hier gute Dienste. Wer mit der Bahn anreist, ist gut beraten, Ersatzklamotten dabei zu haben, ab und an fällt die Klimaanlage aus. Eine Stunde Zeit am Ankunftsbahnhof ist ein guter Puffer.
  • Ist mein StudiVZ-Profil schädlich?

Die Bewerber google ich vor dem Gespräch und habe einen StudiVZ- und XING-Dummie-Account. Entegegen landläufiger Meinung stören die meisten Kollegen und mich aber weniger Sauf-Fotos ("Alkoholkranker Partner" und "koksender Associate" sind doch vielerorts Pleonasmen) sondern Stromlinienförmigkeit. Drittsemester, die auf XING "Interessante Kontakte" suchen und "Hilfe bei der Bewältigung auch komplexer rechtlicher Fragestellungen" bieten, sollten sich selbstkritisch fragen, ob sie noch ganz dicht sind.

  • Welche Fragen erwarten mich?

"Was sind Ihre drei größten Stärken, was Ihre drei größten Schwächen?" Das wurde ich nie gefragt und habe ich nie gefragt. Die erste Frage ist stets: "Sind Sie gut hergekommen?" Mit einem fünfminütigen Monolog zu Engstellen bei Kassel, Bauarbeiten um Hannover und einer defekten Rolltreppe im Hauptbahnhof ("Verrückt, vor allem für Leute mit Koffern - wann kriegen die das endlich in den Griff bei der Bahn?") kann der Bewerber sein Talent zum Langweilen mühelos unter Beweis stellen. Es gilt hier und bei allen anderen Fragen: Zunächst kurz und eindeutig antworten, erst auf Nachfrage wirklich ausholen.

  • Welche Inhalte sollte ich im Rahmen des Gespräches transportieren?

Meist hat der Gesprächspartner den Lebenslauf vor 15 Minuten zum ersten Mal gesehen. Das Anschreiben hat er überflogen, weil die Entscheidung zur Einladung oft ein Anderer trifft. Machen Sie dem Gesprächspartner deshalb klar:

  1. Wer Sie sind, referieren Sie Ihren Lebenslauf kurz,
  2. erklären Sie, warum Sie den Job möchten.

Auf beides kann man sich vorbereiten und insbesondere bei der zweiten Frage ist Ehrlichkeit Trumpf. Wer sich für das erste Praktikum in einer Großbude bewirbt, für den lautet die blödeste Antwort "Internationale Transaktionen zu begleiten war schon immer mein Traum". Ich finde es sehr sympathisch und völlig in Ordnung, wenn jemand sagt, dass er sich eine Großbude mal von innen anschauen wollte.

  • Was ist das häufigste Ausschlusskriterium?

Farblosigkeit und das Fehlen von feststellbarem Interesse für die Tätigkeit. Intelligenz und Begabung messen wir an den Noten und prüfen sie nicht im Gespräch.

  • Wie kann ich meine Chancen noch kurz vor Schluß minimieren?

Drücken Sie dem Partner gegen Ende des Gesprächs Kopien Ihres Bahntickets ("Sind Sie dafür zuständig oder der Herr Associate?") zu Abrechnungszwecken in die Hand. So etwas Wichtiges sollte nicht per Post mit der Personaltante geklärt werden. Oder Sie bringen selbstgebastelte Visitenkarten -möglichst mit Foto- mit und verteilen diese (Empfangsdame nicht vergessen).

Das StattAller-Team wünscht viel Glück bei Gesprächen der Leserschaft.

Kommentare:

studiosus juris hat gesagt…

Sehr schön geschrieben.

Interessant wäre für mich natürlich noch, welche Noten für ein Praktikum qualifizieren? (9 Punkte im großen ZivilR-Schein? Interessiert StrafR überhaupt?)

Welche Kleidung wird von einem Praktikanten eigentlich erwartet? Wer sich zu leger anzieht, sieht sich vielleicht dem Vorwurf ausgesetzt, man nehme die Sache nicht ernst genug. Wer mit Anzug/Krawatte aufkreuzt, wird vielleicht schnell als "Möchtegern" abgekanzelt. Wo ist der goldene Mittelweg?

DD hat gesagt…

Den goldenen Mittelweg gibt es nicht. Schaufel Dich erstmal davon frei es allen rechtmachen zu können, dann machst Du es nämlich keinem recht und bist auch raus. Letztendlich sollte man sich selbst noch irgendwo wiederfinden bei der ganzen Veranstaltung, am Ende des Tages hat man das im Regelfall noch am besten drauf, weswegen man da auch beim Nachhaken am wenigsten in Schwierigkeiten kommt... im Gegensatz zu einer elaborat aufgebauten Scheinpersönlichkeit.

Das gesagt: wer in eine Grossbude will, kommt in Anzug und Krawatte. Generell ist das Dienstkleidung, zumindest beim ersten auflaufen. Sollte einen der Chef dann in Shorts begrüssen, kann man beim nächsten Mal *vielleicht* die Krawatte weglassen, aber wer die juristischen Weihen anstrebt sollte sich schonmal damit anfreunden den Rest seines Arbeitslebens im feinen Zwirn zu verbringen, zumindest solange man für jemand anderen arbeitet. Mag auch hinter vorgehaltener Hand getuschelt werden, es ist immer noch richtiger als mit offenem Hemd und Schweissflecken vor dem senior associate rumzudümpeln.

Im Übrigen: auch der Kollege hier gibt letztendlich nur *seine* do's and dont's weiter. Sklavisches Befolgen kann einem woanders genauso das Kreuz brechen, wie ein Badeschlappenauftritt es bei ihm tun würde. Wer schonmal vortanzen kommen darf muss nicht mehr mit Jura beeindrucken, das hat man schon. Jetzt wird die Person geschnuppert - bitte nur im übertragenen Sinne - also sollte man davon was zeigen. Wenn dann die eigene Persönlichkeit - bitte auch hier in homöophatischen Dosen verabreicht - als inkompatibel gewürdigt wird, ist das dann vielleicht auch gar nicht verkehrt: glücklich wäre man hier dann wohl auch nicht geworden.

Homer Jay hat gesagt…

Den Hinweisen von DD ist nichts hinzuzufügen außer vielleicht dem Hinweis, dass die Tips schon für alle Magic Circle hinhauen dürften.

Chris hat gesagt…

"Farblosigkeit und das Fehlen von feststellbarem Interesse für die Tätigkeit. Intelligenz und Begabung messen wir an den Noten und prüfen sie nicht im Gespräch."

Das soll ja wohl ein Witz sein, oder?
Intelligenz und Begabung messen Sie in Noten? Dann gehen Ihnen aber teilweise die besten Leute durch die Finger. Noten, ganz egal wo (ob Schule oder Uni) sagen heutzutage absolut gar nichts mehr aus. Jemand der einen Einser Schnitt hat, kann also gut auswendig lernen. Was bringt Ihnen das?

Annika Maiga hat gesagt…

Toller Artikel! Sehr interessant und informativ, Sie helfen mir so sehr, danke schön!

Grüße! Annika Maiga

 

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