24. Juli 2009

Gebratene Tauben

Dem Angeklagten wird u.a. vorgeworfen, lauter illegales, teils tödliches Zeug in seiner Wohnung aufbewahrt zu haben.
Daneben wurden zahlreiche weitere Verfahren verbunden, sodass in der Hauptverhandlung zur Verwirrung des Referendars ein bunter Strauß unterschiedlichster Delikte und Sachverhalte entsteht, deren Beweisaufnahme je nach Erscheinen oder Nichterscheinen zahlreicher Zeugen in kleinen Häppchen und gemischter Reihenfolge stattfindet.
Nach der Erörterung eines dieser über einen Zeitraum von ca. 6 Monaten gesammelten Werke betritt die Zeugin Cindy, Freundin des Angeklagten, den Sitzungssaal.

Es geht wieder um das illegale Zeug aus der zweiten oder dritten Anklage.
Cindy möchte untermauern, dass ihr Freund mit alledem nix zu tun hat und vielmehr dessen Kumpel Vladimir das ganze illegale Zeug in der Wohnung des Angeklagten lagert (wovon der Angeklagte natürlich nichts weiß) und zu diesem Zweck den Vladimir anschwärzen.
Um dem Vorsitzenden vor Augen zu führen, wie kriminell der Vladimir ist (was natürlich im Umkehrschluss heißt, dass der Angeklagte unschuldig ist), zaubert sie sodann einen Gegenstand hervor, den ihr der Vladimir geschenkt haben soll.
"Das hat der Vladimir geklaut und dann hat er es mir geschenkt", sagt Cindy.
Kurzes Schweigen im Saal. Den Hinweis des Vorsitzenden ignorierend, sie müsse sich hier nicht unbedingt selbst der Gefahr der Strafverfolgung aussetzen, fährt Cindy fort und zaubert einen zweiten Gegenstand, ein hochwertiges kleines Kommunikationsgerät, aus ihrer Handtasche.
"Das ist auch von Vladimir, auch geklaut",
sagt sie in der Überzeugung, das Gericht werde nun erkennen, dass Vladimir der wahre Kriminelle ist und nicht ihr Freund, der Angeklagte.

Der Vorsitzende fragt vorsichtshalber noch einmal nach:
"Der Vladimir hat das gestohlen, Sie haben es geschenkt bekommen und in diesem Wissen behalten?"
- "Ganz genau, so war's!"
Bisher musste ich Grünschnabel während meiner insgesamt fast 3-monatigen Karriere nach Hauptverhandlungen nur ab und zu die Einleitung eines Verfahrens wg. falscher uneidlicher Aussage empfehlen. Das bedarf immer einer langen Erläuterung. Die Begründung bei dieser Hehlerei dürfte kürzer ausfallen.

Kommentare:

Desperado hat gesagt…

Coole Geschichte. Hach, das waren noch Zeiten bei der StA... ;-) Auf jeden Fall eine der interessantesten Stationen.

studiosus juris hat gesagt…

Da ich mal davon ausgehe, dass Cindy ordnungsgemäß belehrt wurde, frage ich mich doch, warum der Vorsitzende überhaupt darauf hingewiesen hat, sie müsse sich hier nicht unbedingt selbst der Gefahr der Strafverfolgung aussetzen? Hätte Sie an dieser Stelle nicht mehr weitergeredet, hätte man als Sitzungsvertreter doch sowieso schon bestimmt ein Leuchten in den Augen gehabt?

Peter Sansibar hat gesagt…

Liebe macht bekanntlich blind. Und taub offenbar auch.

Gruß!
PS

Peer Patent hat gesagt…

Meiner Erfahrung nach ist das wiederholte "Nachbelehren" gar nicht so unüblich. Das Schweigen danach aber schon.

advantage hat gesagt…

abgesehen davon, dass man eh nur bei konkreten Anhaltspunkten nach § 55 belehren muss...

 

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