6. August 2009

Soll ich promovieren?

Nach meiner Erhebung schreiben 90% der Großbudenreferendare "nebenbei" noch an einer Dissertation, die "so gut wie fast fertig" ist, nötig sind "praktisch" nur noch das Inhaltsverzeichnis und zwei, drei Fußnoten müssen nachgeguckt werden. Man fragt sich bei den Erzählungen immer, warum das Werk immer noch nicht auf der Spiegel-Bestseller-Liste steht. Deshalb möchte Dr. Homer Jay das, was er öfter von diesen Referendaren gefragt wird, als FAQ-list, was mal ein cooler Titel für blöde Ratgeber-Seiten war, auflisten:
1. Brauch ich den Titel fürs Berufsleben?
Nach meiner Erfahrung eher nicht. Im öffentlichen Dienst wohl ohnehin nicht, im Anwaltsleben kommt er vielleicht gut, wenn man Familien-, Verkehrs- und Strafrecht macht. In der Großbude ist er nicht hinderlich, aber interessiert die Mandanten nicht besonders. Anderer Ansicht ist da Frau Dr. Jay, die gegenüber ihren Mandanten immer ein besseres Standing hatte als unpromovierte junge Kolleginnen.
2. Sollte ich im Vorstellungsgespräch rumjammern, warum die Diss nicht vorangeht?
Unbedingt, das interessiert uns brennend. Wenn der Titel eines tatsächlich zeigt, ist das Durchhaltevermögen. Geschichten von miesen, miesen Doktorvätern, schlecht vorgegebenen Themen, kurz vor der endgültigen Abgabe der Diss verschiedenen Großtanten und dem eigenen Beinahe-Tod zwischendurch ("echt schlimmer Schnupfen, heavy") will ich nicht mehr hören. Mit Ausreden ist es wie mit dem Poloch: Jeder hat eins und die meisten stinken.
3. Wenn ich den Titel unbedingt will (fürs Türschild, für Papa, fürs Ego), worin sollte ich dann promovieren?
Rechtsgeschichliche Biographie. Die Vorteile liegen auf der Hand: Anfang, Hauptteil und Schluss sind vorgegeben ("Karl Schlaimer wurde am 14.06.1884 als drittes Kind des Gutshofsbesitzers...Im August 1924 wurde er zum damals jüngsten Richter am Reichsgericht berufen...Er verschied 1960 unerwartet in Bielefeld"). Klarer Vorteil: Den Käse kann keiner nachprüfen, ohne sich im Archiv eine Staublunge zu holen. Nachteil: Eigene Staublunge.

Kommentare:

Bernie hat gesagt…

zu 1.: IM öffentlichen Dienst führt der Titel nicht zu höherer Besoldung. Um aber in den öffentlichen Dienst überhaupt HINEIN zu kommen, ist er gewiss hilfreich. In einigen Stellenausschreibungen des öD wird er ausdrücklich verlangt oder erwünscht, und in nahezu jedem Online-Bewerbungsformular des Bundesverwaltungsamts wird nach dem Stand der Dissertation gefragt.

zu 2.: Es ist ratsamer, ein interessantes Thema zu suchen, also eines, für das man gerne leidet. Dann klappt es auch mit der Motivation. Wer möchte sich schon - gar neben dem Beruf - abends auf den Spuren Schlaimers in Stapeln alter Briefe und Notizen eingraben? Oder am Wochenende nach Oer-Erkenschwick fahren, um Schlaimers zweite Ehefrau zu treffen, die er kurz vor seinem Tode heiratete und die nun seinen Nachlass aufbewahrt?

Bernie hat gesagt…

"zu 2." ist natürlich "zu 3".

Peter Sansibar hat gesagt…

@ Bernie
Ich habe bisher noch von keinem rechtsgeschichtlichen Doktoranden Leidensgeschichten gehört.
Man wird sich ja auch mal drei Monate zusammenreißen können. :)

Im Ernst: Auf der jährlichen Promotionsfeier unserer Fakultät sind Rechtsgeschichtler überproportional häufig vertreten.
Das sind sicher nicht alles leidenschaftliche Archivare. Die Beliebtheit muss andere Gründe haben.

Es muss ja auch nicht immer eine Biographie sein. Gern bearbeitet werden bei uns auch Themen à la "Die Entstehung des [hier unbedeutendes Gesetz der Wahl einfügen]" oder "Die Rechtsprechung des Reichsgerichts zu [Norm der Wahl einfügen] zwischen [Zeitraum der Wahl einfügen]"

Und auch mit solchen Themen kann man sich Ehre und Ruhm erarbeiten:
Die aktuelle Fakultätspreisträgerin hat auch eine Biographie geschrieben.

Bernie hat gesagt…

Okay, zugestanden, zumal eine Biografie vielleicht gar nicht so uninteressant zu schreiben ist, bedenkt man, dass dort mehr Action stattfindet ("ging, studierte, heiratete, arbeitete, starb") und nicht immer nur die Rechtslage beschrieben werden muss ("regelt", "gilt").

Ob aber jeder Doktorvater so ein Thema annehmen wird? Bei uns am Lehrstuhl wird alles verworfen, was "zu deskriptiv" daherkommt. Rechtsvergleichende Themen sind so gerade noch gelitten. Eine RG-Rechtsprechungsübersicht oder ein Gesetzgebungshistörchen wären undenkbar.

advantage hat gesagt…

Es gibt genügend Doktorväter, die sich auf relativ maue Themen einlassen. Rechtsgeschichtliche Dissertationen oder Lebensläufe pauschal zu verdammen, wäre allerdings falsch. Es gibt da denke ich auch sehr, sehr gute Werke. Allerdings ist die Gefahr, dass wenig Eigenes gebracht wird, natürlich viel höher als bei anderen Themen.

Insgesamt denke ich aber, daß ne Promotion was Gutes ist. Schließlich zeigt sie, gerade wenn man die aufgewendete Zeit dafür einbezieht, unter Umständen positive Arbeitsfähigkeiten.

Thomas Henne hat gesagt…

ad 3: Falsch. Es gibt eine sehr hilfreiche Zusammenstellung bei Adolf Lobe, 50 Jahre Reichsgericht, zu den Lebensdaten der Reichsgerichtsrichter, die vor 1929 an das Reichsgericht berufen wurden. Das Buch von Lobe steht in vielen Bibliotheken und ist ohne Staublungengefahr lesbar.
Aber ich verstehe, worauf Sie bei Punkt 3 hinauswollen, und derartige Dissertationen sind in der Tat grauenvoll (und nicht selten :-( )

Als Doktorvater rechtshistorischer Dissertationen (auch zum Reichsgericht :-) habe ich bisher übrigens nur die Rückmeldung erhalten, daß der Dr.-Titel bei Bewerbungen hilfreich war.

Im übrigen hat die zitierte Frau Dr. Jay wohl (leider) recht, daß ein Dr.-Titel in der Praxis für Frauen besonders hilfreich ist, um bei Gesprächen eine "Gleichwertigkeit" herzustellen.

 

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