30. März 2010

Die sprachliche Entwicklung des Wortes "Fuck"

Nachdem ich kürzlich von einem "Motherfucking Litigator" berichtete, wurde ich darauf hingewiesen, dass das Hamburger Abendblatt heute einen Bericht mit dem Titel "What the F***! Das böse Wort hat viele Bedeutungen" veröffentlichte. Dort nimmt man sich auch des Wortes "motherfucking" an und zwar in einem Zusammenhang mit der Miles Davis Biografie, in der des öfteren von diesem Wort Gebrauch gemacht wurde und zwar durchaus im positiven Sinn.
Im Abendblatt heißt es hierzu:
"It was a motherfucker" übersetzt Jakobeit [Anm.: Übersetzerin der Biografie] mit "Es war das Schärfste", "Sarah Vaughn (berühmte Jazzsängerin) was a motherfucker too" mit "Sarah Vaughn ist ein geniales Miststück" und "it was hotter than a motherfucker" mit "es war knallheiß".
Hätte ich den Bericht vorher gelesen, wäre ich nicht ganz so erstaunt über die Verwendung des Wortes im Zusammenhang mit einem Staranwalt gewesen. In unseren Übersetzungen wird das Wort dann ja doch sehr entschärft.

25. März 2010

No ruleZ

Ich sollte kürzlich eine für die Musikbranche wichtige Gerichtsentscheidung lesen, um diese den anderen im Team gegenüber zu erläutern. Die aus etlichen Seiten bestehende Kopie sah aber überhaupt nicht nach einem Gerichtsurteil aus. Da ich es schon kannte, dass es zu jeder Entscheidung mindestens 100 weitere Dokumente gibt, ging ich davon aus, dass man mir möglicherweise das falsche Dokument übermittelte.

Stutzig machte mich auch der Aufdruck "Second amended final judment". Wie ist denn das jetzt zu verstehen? Man haut erst einmal ein Urteil raus und wenn man dann nicht mehr damit zufrieden ist, ändert man es nochmal vorsichtshalber ab ("to amend") und nennt es dann "final", bevor es noch mehr Gemecker gibt? Nach dem Motto: "Also, diese Entscheidung meine ich jetzt aber wirklich ernst! Das ist jetzt meine Finalversion." Oder wie, oder was?

Nur der letzte Absatz der Gerichtsentscheidung gab dann etwas Aufschluss. Dort heißt es nämlich, dass diese Entscheidung die bisherige Entscheidung aus dem Jahr 1950(!) aufhebt und ersetzt. Das machte tatsächlich etwas Sinn, denn die abgeänderte Fassung wurde auf Streaming-Lizenzen erweitert und 1950 gab es nunmal noch kein Streaming, dafür stand die Geburt des Rock'n'Roll immerhin schon bevor. Bei uns im "code based Germany" kennen wir so etwas natürlich nicht, ein Urteil abzuändern, denn dort werden stattdessen neue Gesetze verabschiedet.

Dennoch überraschte mich nach wie vor der Aufbau des Urteils, der mehr einem Vertrag glich, weil z.B. der Anfang aus Definitionen bestand. Vielleicht war der Richter vor der Bekleidung seines Richter-Amtes ein "Motherfucking Litigator"? Aber auch er muss sich doch wohl - so wie bei uns auch - an gewisse Regeln zum Urteilsaufbau halten, sobald er zum Richter gewählt wird? Eine Rückfrage bei meinen Juristenkollegen vor Ort ergab: "Nein, muss er nicht". In der Law School wird man zwar unterrichtet, wie ein Urteil "schön" wäre, aber daran halten muss sich kein Richter. Als ich denen erklärte, dass das bei uns für ein Urteil schon Regeln gibt und schon der Tatbestand einem gewissen Aufbau folgt, waren alle ganz begeistert davon. Na, das würde auch die ein oder andere Examensarbeit im 2. Examen erleichtern, wenn es keine Regeln für den Urteilsaufbau gebe.

23. März 2010

Studenten, überall gleich...

Ich habe Gelegenheit erhalten, einer Musikbusiness-Vorlesung an einem New Yorker College beizuwohnen. Diese Vorlesung war die letzte vor den "Midterm"-Prüfungen. Also wurde den Studenten kurz erklärt, worauf sie sich ungefähr vorbereiten müssen, da es nicht beabsichtigt ist, allen schlechte Noten zu geben.

Diese Wissenszusammenfassung lief sehr ausführlich ab, so dass alle fleißig mitschrieben: Was ist der Unterschied zwischen Verlag und Label, was sind Mechanicals, was versteht man unter Master etc. Für Leute, die in der Musikbranche arbeiten wollen, sind das absolute Basics, vergleichbar mit der Frage: "Wo ist im BGB der Kaufvertrag geregelt?" Dennoch gerieten die um mich herum sitzenden Personen in Panik. Einer fragte gar: "Wann ist denn die Prüfung?" und reagierte geschockt, als er hörte, dass dies die letzte Vorlesung vor der Prüfung sei. Dazu muss man sagen: Jeder hat eine zeitliche Übersicht bekommen, an welchem Datum was unterrichtet wird und wann Prüfungen sind. Sooo überraschend kam das nicht.

Der Knüller war dann aber folgender: In den Vorlesungen wurde auch das Buch "Hit Men" von Fredric Dannen (z.Zt. auch in Deutschland wohl nur auf englisch erhältlich) besprochen. In dem frühen Wissen, eines Tages in der Musikbranche zu arbeiten, habe ich dieses Buch schon zu Schulzeiten geradezu verschlungen. Es ist meiner bescheidenen Meinung nach eines der besten und packendsten Bücher aller Zeiten und enthält unglaublich interessante Informationen für jeden Musikjunkie. Es ist keine schwierige Aufgabe, dieses Buch zu lesen. Das ist nicht "Bürgerliches Recht" von Medicus, sondern eine Anekdotensammlung, die über den Payola-Skandal berichtet sowie über die Erlebnisse aus den unterschiedlichen Labels und die ganz Großen der Branche wie Clive Davis oder Tommy Mottola. Ein absolut unterhaltsames Buch, welches zeigt, dass die Klischees der Branche gar keine Klischees sind. Dieses Buch jedenfalls sollte man auch für die Prüfung gelesen haben, hieß es. Darauf meldete sich eine Studentin und fragte:
"Müssen wir das ganze Buch gelesen haben oder nur einen Teil?"
Auf die Antwort, es müsse schon das ganze Buch sein, ging dann nochmal ein Raunen durch die Menge.

9. März 2010

Motherfucking Litigator

Mancher Gast in meiner Wahlstation in NYC wird vom Chef durch die Räume geführt. Ich dachte zunächst, dies sei einfach ein Teil der Gastfreundschaft und gleichzeitig die Möglichkeit für den Chef, sein Team vorzustellen. Da steckt aber viel mehr hinter, nämlich die Chance für das Team, "social networking" zu betreiben.

Und so führte mein Chef kürzlich einen Anwalt durch die Räume. Dabei wurde ich als Jurist gesondert vorgestellt mit dem Hinweis, dass ich aus Deutschland komme, was das Referendariat ist etc. So redete ich dann auch kurz mit diesem Anwalt, der mit dem Referendariat durchaus etwas anfangen konnte, da er ebenfalls schon einen Referendar beschäftigte. Die beiden zogen weiter Richtung Konferenzraum. In diesen wurde der Anwalt gesetzt und schon kam der Chef wieder raus und ging zu mir, um mich darauf hinzuweisen, dass dieser Anwalt einer der besten Entertainment-Anwälte der Welt ist und u.a. auch [...] vertritt. Ich fand den Anwalt ohnehin schon nett, aber nun stieg auch mein Respekt. Der Chef redete sich aber gerade in Rage, um mir deutlich zu machen, wie genial dieser Anwalt tatsächlich ist. Er schloss mit den Worten "He's a motherfucking litigator." Das kann ich ja wohl nicht richtig verstanden haben, aber auf meine Nachfrage wiederholte er: "He's a motherfucking litigator." Offensichtlich kann "motherfucking" umgangssprachlich auch so viel wie "arschgeil" bedeuten.

Und so fragte ich ihn kurz noch einmal nach dem Namen des Anwalts. Darauf meinte mein Chef, ich solle mir einfach eine Visitenkarte von dem Anwalt besorgen. Ich schaute ihn fragend an, ob ich das wirklich machen soll und er ermutigte mich grinsend: "Go, get your business card." Also tat ich das. Während ich im Konferenzraum mit dem "motherfucking litigator" sprach, kam mein Ausbilder (Ausbilder und Chef sind zwei Personen) kurz vorbei, verschwand dann aber wieder mit kurzem Gemurmel, er habe nur sichergehen wollen, dass wir zwei uns miteinander bekannt machen. Erst als ich den Konferenzraum verließ, kehrte der Chef in diesen zurück, als habe er gerade nur etwas nachschauen wollen o.ä. Fand ich unglaublich nett!

Später wurde mir erklärt, ich solle dem Anwalt dann eine kurze "Follow up"-Mail schreiben, wie sehr ich mich über das Treffen freute und hoffe, ihm in der Zeit hier in NYC erneut über den Weg zu laufen. Das machte ich, denn soweit waren mir die Gepflogenheiten hier eh noch geläufig. Und mittlerweile erreichte mich sogar schon eine Antwortmail.

Zum Schluss noch ein kurzer Hinweis, welchen Song ich in der heutigen Musik-Auswahl im Büro am coolsten fand: "So much trouble in the world" von Bob Marley. Dieses Instrument, welches sich bei ca. 0:58 mit dem Gesang abwechselt, großartig.

6. März 2010

Erst das Meeting, dann die Party

Heute war die Feierabend-Party, die der CEO schon an meinem ersten Tag ankündigte. Ungefähr zwei Stunden zuvor war noch ein Meeting.

Zunächst habe ich mir nichts dabei gedacht. Die einzelnen Teams machen hier andauernd irgendwelche Meetings, in denen sie sich kurzschließen. Dieses Meeting war aber ein besonderes, denn es betraf alle Mitarbeiter. Ich war etwas verwirrt, als ich also von einer Sekunde auf die andere hinzugeholt wurde und erfuhr dann, dass diese Art Meeting so alle paar Wochen durchgeführt wird.

Der Inhalt des Meetings hat mich dann völlig umgehauen. Der CEO hielt mit Hilfe von "Power Point" einen Vortrag darüber, was im letzten Jahr wirtschaftlich erreicht wurde und wo wir nun gegen Ende des ersten Quartals dieses Jahres stehen. Dabei lobte er das gesamte Team über den grünen Klee und sagte, dass es schon jetzt wieder alles total rosig ausschaut. Er sagte sinngemäß: "Es ist nicht meine Firma, es ist unsere Firma. Ihr macht alle einen tollen Job." Derartige Motivation ist möglicherweise üblich hier in den USA, aber ich war besonders fasziniert darüber, dass in der Power-Point-Präsentation die nackten Zahlen offengelegt wurden. Es wurde zwar ausdrücklich auf die Vertraulichkeit hingewiesen, aber immerhin wurden sie offengelegt. Ich weiß nicht, ob das in Deutschland funktionieren würde, denn da würden sich vermutlich die meisten Arbeitnehmer denken: "Und warum verdiene ich dann nicht mehr?" o.ä. Hier funktioniert das offensichtlich perfekt.

Die Party war auch spitze, denn sie war nicht nur den Angestellten vorbehalten. Ich lernte also z.B. die unglaublich nette Frau meines Ausbilders kennen. Außerdem waren allerhand Namen aus der Musikbranche vertreten, mit denen ich so in Kontakt treten konnte. Keine Weltstars, aber wirtschaftlich wichtige Leute oder befreundete Musiker des Teams. So sprach ich mit einem älteren US-Verleger, der lustigerweise ein Nachfahre von Reinhard Keiser ist, worauf er stolz hinwies, als ich ihm meine deutsche Herkunft erklärte, oder mit einem Musiker-Paar, welches nächsten Monat ein Album herausbringen und einen Gig in NYC spielen wird.

5. März 2010

Fensterputzgesetz

Für Leute, die kuriose Gesetze sammeln, habe ich heute ein Schmankerl aus meiner Station in NYC anzubieten. Denn heute habe ich einmal etwas "off topic" einen Mietvertrag gecheckt. Die Mietverträge hier sind offensichtlich noch länger als unsere deutschen. Da wird alles mögliche bedacht, z.B. was mit den Mietern passiert, wenn der Vermieter enteignet wird. Die regeln auch, dass bei Gerichtsstreitigkeiten die unterliegende Partei zahlt, wozu bei uns ja kein Regelungsbedarf besteht.

Jedenfalls bin ich in diesem Zusammenhang über eine Klausel des Mietvertrags gestolpert, in der der Mieter ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass es nach § 202 des "New York Labor Law" bei Gebäuden ab einer bestimmten Höhe verboten ist, die Fenster von außen zu putzen. Die Amis wollen halt nicht so gerne, dass die Leute beim Fensterputzen aus den Wolkenkratzern purzeln. (Mehr als 5.000 Häuser in Manhattan haben mehr als 15 Stockwerke.) Deswegen dürfen das nur Leute, die sich damit auskennen. Zum einen will man die Leute schützen, die gerne Fenster putzen würden, zum anderen aber auch die vorbeispazierende Bevölkerung.

3. März 2010

Schlaraffenland

Nachdem ich schon gestern davon berichtete, wie sehr mein Job hier in NYC an ein Schlaraffenland erinnert, kann ich heute völlig entgeistert nahtlos an die Berichte anschließen.

In der Kanzlei, in der ich zuletzt arbeitete, wurde mir im Bewerbungsgespräch das Blaue vom Himmel versprochen: Ich werde so richtig den Business-Alltag der Entertainment-Industrie erleben, bei Meetings dabei sein, bei Mandantengesprächen und bei Telefonkonferenzen. Tja, was soll ich sagen? Trotz meines irgendwann beständigen Nachfragens nach Abwarten einer Höflichkeitswartephase ist davon nur eines in die Tat umgesetzt worden: Am letzten(!) Tag war ich bei einer kleinen Telefonkonferenz dabei. Aber auch nur, weil ich an eben diesem letzten Tag nochmals äußerte, dass es jetzt langsam ein bißchen eng wird, was die Versprechungen anbelangt. Da habe ich mich wirklich gefragt, ob die eigentlich selbst glauben, was die in Bewerbungsgesprächen erzählen? Gibt ja einen eingeschränkten Horizont hinter den Scheuklappen.
Tja, lange Rede, kurzer Sinn, hier im Ami-Land erlebe ich dann wieder das genaue Gegenteil: Heute, am zweiten(!) Tag, wurde mir eröffnet, dass es morgen eine Telefonkonferenz mit einem sehr wichtigen Kunden geben wird, weshalb mein (bereits erwähnter) "welcome lunch" auf Freitag verschoben werden muss. Stattdessen wurde mir aber offenbart, dass man mich bei der Telefonkonferenz gerne dabei hätte. Ich solle doch bis dahin beizeiten mal etwas über den Kunden ergooglen, damit ich eine Vorstellung von dessen Service bekomme. Es ist wirklich wie im Schlaraffenland! Metaphorisch gesprochen muss ich nicht um Essen betteln, sondern bekomme es direkt verabreicht. Die leckeren Beeren fliegen in meinen weit offenen Mund, ohne dass ich mich nach ihnen bücken muss.

Das ist aber noch nicht alles!
Gegen Mittag erreicht mich eine Rundmail, dass es an einem Abend in der nächsten Woche eine "Intern Appreciation"-Party geben wird, "to share the love for our interns and their fantastic work", wobei der Ort noch nachgereicht wird. Wie jetzt? Man ist hier nicht einfach billige Arbeitskraft, sondern die Arbeit wird anerkannt? Träum ich oder wach ich? Wenn das ein Traum ist, will ich nicht mehr aufwachen.

Und mir als musikabhängigem Junkie gefällt noch eine andere Sache gut. Ich teile mir z.Zt. ein Großraumbüro mit sieben bis acht weiteren Leuten, vier davon sind fest eingestellt, die anderen drei bis vier (je nachdem, hängt von Univeranstaltungen ab) sind auch "interns". Der Chef der Abteilung sorgt nebenbei für Musik im Raum, die fleißig kommentiert wird. Dass es bei der Arbeit Musik gibt, ist natürlich auch großartig, aus meiner Sicht jedenfalls. Irgendwann war eine Weile Stille und ich sagte zu ihm, dass irgendwas mit seiner Musik nicht stimmt, worauf er konterte, der Sound mache tatsächlich den Eindruck einer Art Stille, aber er habe gerade keine neue Playlist. Nach kurzem Hin- und Her meinte er: "Ok, it's always the right time for Jimmy Cliff, huh?" und startete den Song "Struggling Man". Nach dem ersten paar Tönen riefen alle: "Yeah, Jimmy Cliff", woraufhin er die Mucke lauter drehte. Und so wippten alle ihre Köpfe im Takt der Musik, während sie sich wieder der Arbeit zuwandten.

Gegen 18 Uhr kam dann unser IT-Experte mit seinem Laptop rein, stöpselte diesen an die Boxen und machte unseren DJ. Dabei drehte er die Musik auf Party-Lautstärke. Ich schaute mich grinsend um, ob darauf irgendwer reagieren würde, aber niemand meckerte, es sei zu laut. Im Gegenteil machte die Situation den Eindruck von Routine, es gab Respektsbekundungen zur Wahl der Musik (u.a. eine Latin-Version von Michael Jacksons "Billy Jean") und die Motivation stieg Richtung Feierabend noch einmal richtig an.

Ich will diesen Traum morgen weiterträumen!

2. März 2010

Little Desperado in the Big Apple

Seit ein paar Tagen schon bin ich in New York City und seit heute absolviere ich hier meine Wahlstation in einem Unternehmen aus der Musikbranche.

Vorweg möchte ich einmal kurz los werden, dass ich jedem Referendar, der nur annähernd daran denkt, hier seine Wahlstation oder Anwaltsstation zu verbringen, ganz dringend dazu ermutigen möchte, diesen Traum in die Tat umzusetzen. Diese Stadt ist einfach sooo großartig, sie ist riesig, wirkt dabei aber so übersichtlich. Es ist leicht, sich in diese Stadt zu verlieben. Einer Frau muss man auch nicht sagen, dass sie George Clooney attraktiv finden soll. Nach ein paar Tagen kann ich sagen, dass ich meine Station hier fast überall absolviert hätte, nur um in dieser Stadt zu sein, aber natürlich bin ich froh, eine Station gefunden zu haben, die wie die Faust auf's Auge zu mir passt.

Dieser "American way of life" und deren "business culture" ist wirklich ein anderer Schnack und schon dafür lohnt sich die Reise hierher. Während meine Erfahrungen in zwei mittelgroßen Kanzleien in Deutschland eher waren, dass man auf sich selbst gestellt ist, wenn man etwas lernen will und Versprechungen in keinster Weise eingehalten werden, machte der heutige Tag auf mich einen ganz anderen Eindruck: Ich spazierte nach Feierabend mit einem dicken Grinsen im Gesicht nach Hause!

Denn schon der Abschluss der heutigen Tätigkeiten lief anders als ich es gewohnt war. Ich wurde zu einem Abschlussgespräch ins Büro meines Ausbilders geholt. Dabei fällt mir ein: Auf das tatsächliche Abschlussgespräch meiner einen Kanzlei in Deutschland warte ich immer noch. An meinem letzten Tag (der ja so überraschend kam...) war dafür irgendwie keine Zeit und es hieß, dieses Gespräch würde nachgeholt werden. Pffft, dass ich nicht lache... So ein Gespräch hatte ich also schon heute als kurzen Boxen-Stopp, um die Richtung vorzugeben. Und das war kein Gespräch zwischen Tür und Angel, sondern á la "Komm rein, setz Dich. Wie hat es Dir heute gefallen? Was hast Du gelernt? Sind alle nett zu Dir?"

Während es normalerweise keine richtigen Uhrzeiten zur Arbeit gibt, sondern jeder schnell runterläuft und sich was essen holt, wenn sich der Magen meldet, wird es am Mittwoch einen "welcome lunch" zweier Juristen mit mir geben: "Passt Dir der Mittwoch?" Äh, ja, klar!

Irgendwann kam der CEO des Ladens rein und sagte nach meinem Verständnis sowas wie: "Das betrifft hier alle: Sind am Freitag alle da? Ok, dann ist Freitag nachmittag Party." Ich dachte natürlich, dass meine Englischkenntnisse noch zu wackelig sind, um seinen Akzent in Verbindung mit der Geschwindigkeit richtig wahrgenommen zu haben. Ich MUSSTE das inhaltlich einfach falsch verstanden haben. Also fragte ich eine Kollegin: "Äh, sag mal, ich habe das gerade nicht richtig verstanden. Ich hörte irgendwie nur das Wort 'Party', aber in welchem Zusammenhang denn?" Dann erklärte sie mir, ein bis zweimal im Monat werde früher Feierabend gemacht, um gemeinsam etwas Spaß zu haben. Das nenne man hier "team building". Aha??? Ich glaube, ich reagierte wie unter LSD-Einfluss, denn in deutschen Kanzleien gibt es doch normalerweise allenfalls eine Weihnachtsfeier, was ich meinem Ausbilder in dem oben genannten Abschlussgespräch mitteilte. Das fand er wiederum total interessant, weil das doch eigentlich wichtig für die Motivation sei, dass alle gut miteinander klarkommen, was am besten durch diese Parties unterstützt wird. So sei die Arbeit doch viel effektiver? Zusätzlich gehe man daher außerdem noch ab und an abends in irgendeine Bar zusammen.
Genial! Das reinste Schlaraffenland!

Im Laufe des Tages schickte mein Ausbilder eine Rundmail an das gesamte Team, in der er mich herzlich willkommen hieß und allen nochmals vorstellte, nämlich detaillierter als in den Handshake-Sessions mit Erklärungen, warum ich gut in den Laden passe. Dabei stellte er meine bisherigen Erfahrungen in der Musikbranche in den Vordergrund und erklärte anschließend meine Ziele hier vor Ort, wobei er mit dem Satz endete: "Please say hello to him and welcome him to our team."
Ich vergaß: Eine eigene Mail-Adresse wurde mir übrigens auch gleich heute morgen eingerichtet.

Um mit den hiesigen Verwertungsgesellschaften "familiar" zu werden, bestand meine Aufgabe heute darin, Recherchetätigkeiten hinsichtlich Lizenzen auszuführen, wobei mich das Rechercheteam sehr nett unterrichtet hat. Dabei kamen an einer Stelle Kindheitserinnerungen in mir hoch, denn der Song "The Bare Necessities" war auch dabei, der bei uns "Probier's mal mit Gemütlichkeit" hieß. Niemals habe ich mir über den Originaltitel Gedanken gemacht und heute fiel es mir wie Schuppen von den Augen, dass hier durch die Titelwahl dieses Songs von Balu, dem Bären, ein Wortspiel ("bare"./."bear") versteckt ist, welches bei uns verloren ging. Ach ja, damals hatte Disney noch großartige Musik in seinen Filmen.
 

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