2. März 2010

Little Desperado in the Big Apple

Seit ein paar Tagen schon bin ich in New York City und seit heute absolviere ich hier meine Wahlstation in einem Unternehmen aus der Musikbranche.

Vorweg möchte ich einmal kurz los werden, dass ich jedem Referendar, der nur annähernd daran denkt, hier seine Wahlstation oder Anwaltsstation zu verbringen, ganz dringend dazu ermutigen möchte, diesen Traum in die Tat umzusetzen. Diese Stadt ist einfach sooo großartig, sie ist riesig, wirkt dabei aber so übersichtlich. Es ist leicht, sich in diese Stadt zu verlieben. Einer Frau muss man auch nicht sagen, dass sie George Clooney attraktiv finden soll. Nach ein paar Tagen kann ich sagen, dass ich meine Station hier fast überall absolviert hätte, nur um in dieser Stadt zu sein, aber natürlich bin ich froh, eine Station gefunden zu haben, die wie die Faust auf's Auge zu mir passt.

Dieser "American way of life" und deren "business culture" ist wirklich ein anderer Schnack und schon dafür lohnt sich die Reise hierher. Während meine Erfahrungen in zwei mittelgroßen Kanzleien in Deutschland eher waren, dass man auf sich selbst gestellt ist, wenn man etwas lernen will und Versprechungen in keinster Weise eingehalten werden, machte der heutige Tag auf mich einen ganz anderen Eindruck: Ich spazierte nach Feierabend mit einem dicken Grinsen im Gesicht nach Hause!

Denn schon der Abschluss der heutigen Tätigkeiten lief anders als ich es gewohnt war. Ich wurde zu einem Abschlussgespräch ins Büro meines Ausbilders geholt. Dabei fällt mir ein: Auf das tatsächliche Abschlussgespräch meiner einen Kanzlei in Deutschland warte ich immer noch. An meinem letzten Tag (der ja so überraschend kam...) war dafür irgendwie keine Zeit und es hieß, dieses Gespräch würde nachgeholt werden. Pffft, dass ich nicht lache... So ein Gespräch hatte ich also schon heute als kurzen Boxen-Stopp, um die Richtung vorzugeben. Und das war kein Gespräch zwischen Tür und Angel, sondern á la "Komm rein, setz Dich. Wie hat es Dir heute gefallen? Was hast Du gelernt? Sind alle nett zu Dir?"

Während es normalerweise keine richtigen Uhrzeiten zur Arbeit gibt, sondern jeder schnell runterläuft und sich was essen holt, wenn sich der Magen meldet, wird es am Mittwoch einen "welcome lunch" zweier Juristen mit mir geben: "Passt Dir der Mittwoch?" Äh, ja, klar!

Irgendwann kam der CEO des Ladens rein und sagte nach meinem Verständnis sowas wie: "Das betrifft hier alle: Sind am Freitag alle da? Ok, dann ist Freitag nachmittag Party." Ich dachte natürlich, dass meine Englischkenntnisse noch zu wackelig sind, um seinen Akzent in Verbindung mit der Geschwindigkeit richtig wahrgenommen zu haben. Ich MUSSTE das inhaltlich einfach falsch verstanden haben. Also fragte ich eine Kollegin: "Äh, sag mal, ich habe das gerade nicht richtig verstanden. Ich hörte irgendwie nur das Wort 'Party', aber in welchem Zusammenhang denn?" Dann erklärte sie mir, ein bis zweimal im Monat werde früher Feierabend gemacht, um gemeinsam etwas Spaß zu haben. Das nenne man hier "team building". Aha??? Ich glaube, ich reagierte wie unter LSD-Einfluss, denn in deutschen Kanzleien gibt es doch normalerweise allenfalls eine Weihnachtsfeier, was ich meinem Ausbilder in dem oben genannten Abschlussgespräch mitteilte. Das fand er wiederum total interessant, weil das doch eigentlich wichtig für die Motivation sei, dass alle gut miteinander klarkommen, was am besten durch diese Parties unterstützt wird. So sei die Arbeit doch viel effektiver? Zusätzlich gehe man daher außerdem noch ab und an abends in irgendeine Bar zusammen.
Genial! Das reinste Schlaraffenland!

Im Laufe des Tages schickte mein Ausbilder eine Rundmail an das gesamte Team, in der er mich herzlich willkommen hieß und allen nochmals vorstellte, nämlich detaillierter als in den Handshake-Sessions mit Erklärungen, warum ich gut in den Laden passe. Dabei stellte er meine bisherigen Erfahrungen in der Musikbranche in den Vordergrund und erklärte anschließend meine Ziele hier vor Ort, wobei er mit dem Satz endete: "Please say hello to him and welcome him to our team."
Ich vergaß: Eine eigene Mail-Adresse wurde mir übrigens auch gleich heute morgen eingerichtet.

Um mit den hiesigen Verwertungsgesellschaften "familiar" zu werden, bestand meine Aufgabe heute darin, Recherchetätigkeiten hinsichtlich Lizenzen auszuführen, wobei mich das Rechercheteam sehr nett unterrichtet hat. Dabei kamen an einer Stelle Kindheitserinnerungen in mir hoch, denn der Song "The Bare Necessities" war auch dabei, der bei uns "Probier's mal mit Gemütlichkeit" hieß. Niemals habe ich mir über den Originaltitel Gedanken gemacht und heute fiel es mir wie Schuppen von den Augen, dass hier durch die Titelwahl dieses Songs von Balu, dem Bären, ein Wortspiel ("bare"./."bear") versteckt ist, welches bei uns verloren ging. Ach ja, damals hatte Disney noch großartige Musik in seinen Filmen.

Kommentare:

Alexander Hartmann hat gesagt…

Wünsche Dir viel Spaß, Herr Kollege! Kann mir vorstellen, wie Du Dich jetzt fühlst :-)

Desperado hat gesagt…

Ja, danke, Alexander, Du bist wohl einer der wenigen, die das wirklich nachempfinden können. Nach so einem Schlaraffenland-Trip fällt man bestimmt erstmal in ein großes Loch, was? Ich sauge jeden Moment in mich auf. :-)

BV hat gesagt…

Viel Spaß, ähh... have fun! NYC ist wirklich eine spannende Stadt. Genieß die Zeit!

 

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