21. Juli 2010

Repetitor mit Pausetaste - „Lecturio“ im Test

Lecturio Law“ bietet aufbereitete Videostreams von Kursen eines juristischen Repetitoriums aus Frankfurt am Main an. StattAller hat man einen Test-Account freigeschaltet. Hier mein Testbericht. Weil ich bald mein Zweites Examen mache, habe ich mich auf die Assessorkurse konzentriert.


I. Generelles
Ein Repetitor mit Pausetaste – das kannte ich bisher nicht. Wer beim Besuch eines „normalen" Repetitoriums etwas nicht auf Anhieb versteht oder eine Erklärung hinterfragen will, muss sich entweder melden oder schnell Notizen machen und zu Hause nachlesen. Ersteres unterbricht den Gedankengang und kostet die übrigen Kursteilnehmer Zeit. Die zweite Möglichkeit ist ebenso misslich, denn zu Hause ist vieles nicht mehr nachvollziehbar und in den Zusammenhang einzuordnen. Bei Lecturio hat man dagegen die Möglichkeit, den Stream kurz zu unterbrechen und im Kommentar nachzulesen. Bei Bedarf schaut man sich die betreffende Stelle des Vortrags noch einmal an. So konnte ich mir die jeweils dargestellten Probleme parallel zum Vortrag recht gut erarbeiten. Zudem gibt es die Möglichkeit, Fragen an den jeweiligen Dozenten zu posten. Diese Funktion wird aber kaum genutzt, und so scheinen sich die übrigen Nutzer ähnlich wie ich zu behelfen. Die Unterbrechungsmöglichkeit ist sicher ein großer Vorteil des Online-Konzepts.

Was im virtuellen Repetitorium fehlt, ist nachvollziehbarerweise der „Gruppenzwang“: Der Teilnehmer sitzt allein vor seinem PC und arbeitet für sich. Wenn dann die Lust nachlässt und zu Hause vielleicht noch viele andere „wichtige“ Dinge erledigt werden müssen, bleibt das Repetitorium leicht mal auf der Strecke. Es bietet sich also vor allem für Personen an, die sich gut selbst motivieren - und disziplinieren - können. Dass man seine Lernzeit frei einteilen kann, ist andererseits auch ein Vorteil von „Lecturio“. Die Dozenten sind quasi rund um die Uhr abrufbereit – das kommt denjenigen entgegen, die vielleicht spät abends am besten lernen können oder die einfach auf Flexibilität angewiesen sind.

Ein Schnäppchen ist das Online-Repetitorium nicht: Allein für den Komplettkurs „Strafprozessrecht“ hätte ich 125 Euro hinblättern müssen. In Kiel ist ein (zugegebenermaßen kürzerer) strafrechtlicher Assessorkurs für 75 Euro zu haben - dort bekommt man dann auch fertig ausgedruckte Kursunterlagen. Auf der JuS-Homepage wird jedoch gerade eine Anzeige mit Rabatt-Code angezeigt.

Technisch ist das Angebot durchaus ausgereift. Die Bildqualität ist gut, der Stream funktioniert flüssig und auch der Ton stimmt zumeist (Ausnahme: Knacken beim Assessorkurs „Verwaltungsrecht“ von RA Christian Falla). Die Oberfläche ist nutzerfreundlich gestaltet: Angezeigt werden sowohl das Beamerbild als auch eine Aufnahme des Dozenten - beide sind in Größe und Position variabel einstellbar. Hervorzuheben ist die Navigationsleiste, über die der Nutzer zwischen einzelnen Sinnabschnitten innerhalb der Vorträge hin- und herspringen kann. Die Navigationspunkte sind dabei an sinnvollen Stellen gesetzt.


II. Die einzelnen Kurse und Dozenten
Bei den Dozenten von „Lecturio“ ist es nicht anders als sonst im Leben: Jeder hat so seine Eigenheiten.


1. Assessorkurs „Strafprozessrecht“ bei RA Wolfgang Bohnen
RA Wolfgang Bohnen ist - wie er selbst sagt - ein „alter Strafrechtshase" und fachlich in jedem Fall versiert. Bohnen hat von allen getesteten Repetitoren den nüchternsten Vortragsstil, pflegt dabei aber einen trockenen Humor. Er geht sehr strukturiert vor und verlässt sich allein auf die gut ausgearbeiteten Power-Point-Präsentationen. Nur in den ersten Stunden seines Kurses nutzt er manchmal den MS-Office-Notizblock über den Beamer, was dann wie ein Tageslichtprojektor funktioniert.

Zu jedem Problem hat er einen kleinen Beispielfall vorbereitet, was das Ganze recht anschaulich macht. Der Dozent nimmt jedoch öfters Bezug auf Fälle oder „Strukturblätter", welche online zur Verfügung stehen - aber nicht ganz leicht zu finden sind. Im Download-Bereich einer der späteren Kurs-Stunden habe ich sie schließlich entdeckt.


2. Assessorkurs „Zwangsvollstreckungsrecht“ bei Prof. Dr. Bernd Banke
Prof. Dr. Bernd Banke, der sich auf Zwangsvollstreckungsrecht spezialisiert hat, habe ich mir ebenfalls angehört. Er wirkt beim ersten Eindruck vielleicht etwas „speziell“, sammelt im Laufe des Repetitoriums aber zunehmend Punkte.

Als Rechtswissenschaftler beleuchtet er die BGH-Rechtsprechung ab und an kritisch. Dies ist aber positiv zu sehen, denn seine kurzen kritischen Anmerkungen zum tragen durchaus zum Verständnis bei. In keinem Fall breitet er lange Streitigkeiten aus, sondern beschränkt sich auf das für das Zweite Staatsexamen Wesentliche.

Einen Pluspunkt gibt es auch für das Lehrmaterial, das sich die Teilnehmer im pdf-Format herunterladen können. Dazu gehören auch sog. „Lehrbriefe“, in denen er das Wesentliche der vorangegangenen Stunde noch einmal hervorhebt und Arbeitsanweisungen für die Nachbereitung gibt.

Während des Repetitoriums bespricht er meist einige große Fälle, während sein Kollege Bohnen sich eher den kleinen Fällen widmet.


3. Assessorkurs „Verwaltungsprozessrecht“ bei RA Christian Falla
RA Christian Falla entspricht am ehesten der Vorstellung, die man sich so von einem Repetitor macht. Seine in einem schwäbischen Akzent vorgetragenen Ausführungen garniert er öfters mit „dynamischen“ Sprüchen wie „Are you ready for take-off?“ oder „Jetzt fliegt der Spatz in den Propeller, jetzt geht es rund!“.

Leider benutzt RA Falla über den Beamer keine Power-Point-Präsentation, sondern allein den MS-Office-Notizblock. Die handgezeichneten Übersichten sind wenig detailliert, nicht immer leicht verständlich und wegen der Schrift nicht immer gut zu lesen. Downloadmaterial stand im Zeitpunkt des Tests für diesen Kurs noch nicht zur Verfügung. Es bleibt zu hoffen, dass neben den Notizblockzeichnungen noch ein richtiges Skript eingestellt wird.

Die Schilderungen RA Fallas sind durchaus ansprechend und luzide. Anders als RA Bohnen, der die Probleme im Frontalunterricht abhandelt, steht RA Falla mit den Kursteilnehmern in einem steten Diskurs. Diese „Dramaturgie“ von Fragen und Antworten mag zum Verständnis beitragen, denn Probleme werden so nicht nur vorgestellt, sondern vielfach richtig erarbeitet. Allerdings kommt RA Bohnen im Stoff wohl schneller voran.


III. Fazit
Mein persönliches Fazit fällt positiv aus: Die Kurse haben mir Spaß gemacht und mich auch fachlich weitergebracht. Das Online-Konzept gefällt mir vor allem wegen seiner Flexibilität. Ich musste nicht meinen Tag um das Repetitorium herum planen, sondern konnte die Kurse dann hören, wenn meine Zeit und mein Biorhythmus dies zuließen (oft spät abends!).
 

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