4. August 2010

Lächeln als Jurist

Ich beschäftige mich in letzter Zeit sehr mit Bewerbungen. In diesem Zusammenhang habe ich am heutigen Morgen ein Buch gelesen, welches jede Menge (tatsächlich versandte) Beispielbewerbungen enthält, die dann immer direkt im Anschluss rezensiert werden. Dieses Buch enthält auch die Bewerbung einer 1968 geborenen Juristin (das Wort "Jurist" in meiner Überschrift ist geschlechtsneutral gemeint), die im Großen und Ganzen gut weggekommen ist. Kritisiert wird allerdings eine Kleinigkeit auf ihrem Foto:
"Vielleicht sollte die Kandidatin etwas mehr lächeln, aber wer weiß, bei diesem Berufsstand reicht ja vielleicht diese milde Form schon aus."
Prima, wir Juristen kommen wieder als Spaßbremsen weg. In einem Seminar vom Arbeitsamt für Hochschulabsolventen wurde uns kürzlich aber tatsächlich erzählt, dass das (schon aus den USA von jedem Foto bekannte) "Zähne-zeigen" beim Lächeln nicht für jede Bewerbung funktioniert, da immer Seriösität verloren geht. Das sehe ich zwar nicht ganz so, aber ehrlich gesagt liegt mir das gestellte "Zähne-zeigen" ohnehin nicht.

Auf eine andere Sache wird auch noch hingewiesen: Man sollte nicht alle je erhaltenen Zeugnisse präsentieren, 15 Stück (wie im Beispiel) seien fast zu viel.
Nun haben wir Juristen aber meiner Meinung nach das "Problem", dass wir alleine durch das Referendariat schon mindestens fünf Arbeitszeugnisse vorweisen können. Dazu noch Zeugnisse für Staatsexamina und Abitur. Da ist man ohne Promotion und weitere Arbeitszeugnisse (Nebenjobs, Praktika etc.) allein schon bei acht Zeugnissen. Und im oben erwähnten Seminar des Arbeitsamtes wurde kürzlich erzählt, alles im Lebenslauf stehende müsse durch beigefügte Unterlagen belegt werden.
Im Übrigen fände ich es als Arbeitgeber auch sehr verdächtig, wenn nur ausgewählte Stationszeugnisse beigefügt werden würden. Auch wenn ich kein Richter werden möchte, sieht doch der Verzicht auf mein Zeugnis der Zivilstation beispielsweise nach Verheimlichung aus, oder nicht?

Haben wir hier "alte Hasen" oder sogar Personaler zur Erweiterung des Meinungsbildes unter unseren Lesern?

Kommentare:

Thomas79 hat gesagt…

Ich habe Personalerfahrung im weiteren Sinne - während der Krise habe ich - als Anwalt in der Großkanzlei - einen Wettbewerb für Studenten organisiert. Meiner Erfahrung nach ist weniger ganz deutlich mehr. Wenn Du 50 Bewerbungen auf dem Tisch hast, dann magst Du Dich halt nicht durch Grundlagenscheine Kriminologie durchbeißen, bis Du etwas interessantes findest.

Ich habe das auch bei meiner Bewerbung in eine kleinere Einheit erfolgreich berücksichtigt, und würde folgendes empfehlen:

- WICHTIG: Wichtige Informationen in den Lebenslauf. Examensnoten zwecks Sichtbarkeit unterstreichen. Lebenslauf und Motivationsschreiben sind *viel wichtiger* als alle anderen Dokumente zusammen, die man vielleicht mal überfliegt, wenn die Kopien und das Schriftbild gut lesbar sind.

- ggf. Abiturzeugnis bei konservativerem Arbeitgeber (bei Großbude nicht nötig)
- Besondere Leistungen aus dem Studium (BWL-Vordiplom, tiefgehende Fremdsprachenausbildung, ernstzunehmende Preise, z.B. für umfangreichen (sprich: ein Semester freigestellt) Moot Court)
- nicht: Zeugnis für Mitgliedschaft bei EL§A, Mitorganisation studentischer Veranstaltungen o.ä. (gehört in den Lebenslauf), e-Fellows-Stipendium, um Gottes Willen keine Seminarscheine o.ä. (im Ausnahmefall in den Lebenslauf)
- Zeugnis 1. Examen
- sinnvolle Stationszeugnisse aus dem Referendariat. Wenn Du Dich bei der Großbude bewirbst, dann interessiert die StA-Station nur begrenzt. Anwaltsstation und Wahlstation sollten sein, ggf. Verwaltungsstation, StA/Zivilgericht eher nicht, außer wenn Du zum Strafverteidiger oder in eine sehr forensische Einheit gehst. Großkanzleien haben idR Tools, in die Stationsnoten eingetragen werden können, über die Einladung entscheidet aber trotzdem der Gesamteindruck, und Anwaltsstation bei FBD/Hengelmueller 16 Punkte ist viel hilfreicher als alles andere.
- Zeugnisse Nebentätigkeit
- AG-Zeugnisse weglassen. "Herr $Name war da und hat immer schön mitgearbeitet. In den Klausuren, in denen sich die Teilnehmer ohnehin auf dem Flur absprechen konnten, und die von ahnungslosen Anwälten korrigiert wurden, hatte er folgende Noten:". Nein. Bitte nicht.
- Zeugnis 2. Examen.
- Promotion / LLM: Urkunden können, müssen aber nicht. Ich würd's vom sonstigen Umfang abhängig machen.
- Veröffentlichungen: Bitte, bitte nicht in Kopie beilegen.

Wenn Du möchtest, schick mir eine Mail, dann kann ich Dir mit Fragen gern weiterhelfen.

Thomas79 hat gesagt…

Sorry, da hat mir die Technik einen Streich gespielt.
Ergänzung: Nein, meiner Ansicht nach sieht das Weglassen des Stationszeugnisses Zivilstation nicht nach Verheimlichen aus. Ich habe immer Lebenslauf und Motivationsschreiben in die Mappe gepackt, und ein informelles Anschreiben darauf gelegt. Dort habe ich dann geschrieben, daß ich weitere Unterlagen - insbesondere Zeugnisse - gern zur Verfügung stelle.

Kanzleiundrecht hat gesagt…

"Zähne zeigen" soll als Anwalt ja gelegentlich nützlich sein, aber nicht unbedingt als Lächeln auf dem Bewerbungsbild ;)

Desperado hat gesagt…

@Thomas79: Vielen Dank, Thomas! Das ist sehr ausführlich und sehr hilfreich von Dir und hilft sicher auch weiteren Lesern.
Dein Blogger-Profil ist als "nicht öffentlich" angegeben, so dass ich Dir leider nicht schreiben kann. (Welches ist denn Dein Blog?) Vielleicht magst Du an "stattaller@googlemail.com" schreiben oder wir kommunizieren hier.
Da Deine sehr gute Hilfestellung ohnehin kaum Fragen offenlässt, bleibt mir z.Zt. nur eine: Du schreibst bei manchen Dingen sowas wie "gehört in den Lebenslauf", aber laut Arbeitsamt muss halt alles aus dem Lebenslauf auch in die Anlagen. Beziehen sich Deine Erfahrungen komplett auf eine Großkanzlei? Da mag es ja wirklich anders sein, weil die Examensnoten von stärkster Bedeutung sind, oder? Interessant, dass die nicht einmal ein Abizeugnis wollen? Ich dachte immer, es sei ein "No go", das Abizeugnis wegzulassen. (Obwohl das nach den ganzen Jahren ja echt nicht mehr viel Sinn macht, einen Blick darauf zu werfen.)

André hat gesagt…

Was ich in USA gut finde ist, dass die bei Bewerbungen überhaupt keine Fotos wollen, da eine Rassendiskriminierung schon bei der Vorauswahl befürchtet wird. Aber wenn schon ein Foto, dann ein aktuelles. Gibt nichts peinlicheres als das Gespräch mit "Sie sehen jetzt aber ganz anders aus als auf dem Foto" zu beginnen. Und für die Fotos ein wenig Geld in die Hand nehmen. Keine Fotoautomatenabzüge, schon was profimäßiges abliefern. Dann viel Erfolg bei der Suche.

Anonym hat gesagt…

Meine Erfahrung: öffentliche Arbeitgeber wollen alles sehen, die Anderen oft nur das Wichtigste, also gar keine Stationszeugnisse. Meine Examensnoten unterstreiche ich lieber nicht :(

GH hat gesagt…

@Thomas79 Kurze Nachfrage: Kommen Veröffentlichungen in eine eigene Spalte in den Lebenslauf (auch wenn es 10 oder mehr sind?) oder werden diese in einer eigenen Anlage aufgelistet?

Thomas79 hat gesagt…

Sorry wegen der späten Antworten.
Meine Erfahrung (einschließlich des Vorschlags, das Abiturzeugnis fortzulassen) bezieht sich in der Tat komplett auf die Großkanzlei. Den Vorschlag des Arbeitsamts, 1:1 zu reflektieren kenne ich, halte ihn aber für veraltet. Du hast heute einen viel vielschichtigeren und komplexeren Lebenslauf als zu den Zeiten, in denen der AA-CV entworfen wurde. Ich habe das mal bei mir versucht; der Personaler hätte sich durch 40 Seiten blättern müssen. Deswegen der schlanke Ansatz mit kurzer Anmerkung im Anschreiben (nicht im Motivationsschreiben), daß weitere Unterlagen gern beigelegt werden. Ich bin auch in der Tat einmal von einer Firma (mittelständische Kanzlei) gefragt worden, ob ich aus dem Referendariat die anderen Stationszeugnisse nachreichen kann.

Versuch am besten mal, dich in die Lage des Personalers reinzuversetzen. Du willst doch einen knappen Überblick über den Kandidaten haben, um zu entscheiden, ob er eingeladen wird. Wie der ausbildende StA zufrieden war, ist für die Großbuden eher nachrangig.

@GH: Wichtig ist, daß der CV übersichtlich ist. Ich habe 5 Veröffentlichungen, die habe ich in einer separaten Abteilung im CV habe. Aber auch hier - interessant ist Deine Person. Da wird (bei Berufseinstieg) nicht zwischen 5 und 10, sondern zwischen ja und nein unterschieden. Wenn Du bei der Bewerbung in einer Großbude 10 Veröffentlichungen hast, dann wirken studentische Beiträge in der Oer-Erkenschwicker Rundschau eher, naja, streberhaft. Bewerbungen im Öffentlichen oder Akademischen Dienst sind ein anderer Fall, auch @anonym.

@Andre: Ich bin weiterhin für Fotos. Glaub mir eins, in der Großkanzlei denkst Du Dir allzu oft, daß Du mit so einem schmierigen Streber nicht zusammenarbeiten möchtest... :-)

Desperado hat gesagt…

Vielen Dank ein weiteres Mal, Thomas. Super, dass Du Dir die Zeit genommen hast, hier noch mehr Antworten zu liefern.

Wegen der USA-Foto-Geschichte: In den USA gibt es ja normalerweise auch keine Arbeitszeugnisse, sondern man liefert im CV Referenzen mit Telefonnummern. Das finde ich eigentlich ganz cool, weil man dann auf diese Zeugniscodes verzichten kann und der Arbeitgeber sich am Telefon offener äußern wird. Langfristig denke ich übrigens, dass Fotos bei uns trotz der Vorteile für Großbuden auch irgendwann abgeschafft werden. Das AGG ist doch nur ein Anfang. Mal abwarten.

 

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